SWR Kultur Wort zum Tag
Medizinstudierende haben ihr Wissen nicht nur aus Büchern. Im anatomischen Seminar kommen sie auch mit Menschen in Kontakt. Und zwar mit toten Menschen, die ihren Körper genau zu diesem Zweck schon zu Lebzeiten der Universität vermacht haben. Körperspende heißt das. In diesem Kurs geht es nicht nur um die Beschaffenheit von Muskeln, Sehnen, Knochen und inneren Organen. Es geht auch darum, sich mit einem Menschen vertraut zu machen, auch wenn er schon verstorben ist. Johanna, eine Medizinstudentin im 4. Semester, hat mir davon erzählt. Sie sagt:
„Es ist erstaunlich, wie Körper eine Lebensgeschichte erzählen. Körper tragen die Spuren von Liebe und Arbeit, von Lachen und Tränen, von Krankheit und Endlichkeit. Und wenn sich ein Mensch entscheidet, seinen Körper nach dem Tod der Wissenschaft zu überlassen, dann schenkt er nicht nur sich selbst, er schenkt damit den Studierenden die Geschichte eines ganzen Lebens. Mit allen Höhen und Tiefen, mit Freude und Leid, mit Krankheiten und Schmerzen. Es ist für uns Medizinstudierende von unschätzbarem Wert, dass die Körperspender dies getan haben. Sie haben sich in den Dienst der Medizin und der Menschheit gestellt, damit wir den Aufbau und das Funktionieren des Körpers verstehen lernen.“
Es beeindruckt mich sehr, wie Johanna das erlebt hat. Kennengelernt habe ich sie bei den Vorbereitungen zum ökumenischen Gedenkgottesdienst im Mainzer Dom. Er findet einmal im Jahr statt. Über 300 Studierende und Lehrende der Unimedizin sind dabei. Im Mittelpunkt steht das Gedenken und der Dank. Den Verstorbenen wird posthum für ihre Bereitschaft gedankt, ihren Körper als Körperspende zur Verfügung zu stellen. Für jede verstorbene Person wird im Gottesdienst eine Kerze angezündet. Es werden Briefe der Studierenden an die Spenderinnen und Spender vorgelesen. Und den Angehörigen wird gedankt, dass sie manchmal Jahre lang auf die Beerdigung ihrer Verstorbenen warten müssen. Eine Zeit, in der sie an kein Grab gehen können, um ihren Verstorbenen nah zu sein. Für viele ein großer Schmerz.
Tröstlich ist für sie, dass die Körperspende Spuren hinterlässt – Spuren in der Ausbildung zukünftiger Ärzte und Ärztinnen und Spuren bei all den Menschen, die durch dieses Wissen in Zukunft hoffentlich einmal Hilfe erfahren werden. So wirkt das Leben nach dem Tod weiter. Es wird verwandelt in neues Wissen, in Respekt und Hingabe. Jede einzelne Kerze, die für einen Verstorbenen leuchtet, erzählt eine Geschichte davon.
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