SWR Kultur Wort zum Tag
Ein Konzert der Univoices in der ESG-Kirche in Mainz. Über 300 Studierende, Eltern, Angehörige und Interessierte sind im Raum. Auf dem Programm stehen Songs, in denen Liebe versteckt ist, so heißt es. Ich sitze in der 3. Reihe und habe eine gute Sicht auf die Gesichter der Sänger und Sängerinnen.
Die Wangen sind rot und die Augen weit offen. Die jungen Leute singen konzentriert und sind voll fokussiert. Und sie haben ein so beseeltes Lächeln im Gesicht, das vielleicht nur Musik zaubern kann. Der ganze Körper schwingt im Rhythmus der Songs, und aus mehr als 80 einzelnen Personen wird ein riesengroßer Klangkörper.
Ein paar Studierende kenne ich aus der Beratung. Die junge Frau mit den dunklen Locken im Sopran hat Probleme mit ihrem Freund, der große Tenor in der letzten Reihe kommt mit Prüfungsdruck nicht klar. Ein dritter hat Stress mit den Eltern. Egal, was sie umtreibt, sie alle stehen auf der Bühne und singen sich die Seele aus dem Leib. Und vielleicht ihre Probleme gleich mit. Das hoffe ich jedenfalls. Denn viele Statistiken zeigen es: Chormusik hat eine therapeutische Wirkung, sie verbindet Menschen, macht viele stolz und glücklich.
Eine Studentin sagt nach dem Konzert: „Wer mit anderen zusammen singt, kann Welten überbrücken, und das Himmelreich singt mit!“
Sekt und Orangensaft werden gerade verteilt, als ich nach dem Konzert mit ihr spreche, und alle stoßen miteinander an. Zugehörigkeit und Gemeinschaft sind spürbar. Ich schaue in die stolzen Gesichter und denke mir: Musik ist ein Geschenk, das zu Herzen geht und Herzen bewegt. So wie in biblischer Zeit einst der Hirtenjunge David den König Saul mit seiner Lautenmusik aus einer tiefen Schwermut herausgelockt und ihn verzaubert hat. Immer wieder wurde er gerufen, wenn der König einen depressiven Schub hatte. Immer wieder hatten sein Spiel und sein Gesang eine heilsame Wirkung auf die verwundete Seele.
Ich kenne es auch von mir selbst: Wenn ich singe, kann ich Gedanken, die mich quälen, auf Abstand halten. Wenn ich mit anderen zusammen singe, katapultiert mich das in eine ganz andere Welt. Es verschafft mir eine Pause von Alltagskram und Sorgen.
Es unterbricht mein Hamsterrad aus To-do-Listen und Terminen.
Ich hoffe sehr, dass gerade in diesen turbulenten Zeiten viele junge und ältere Menschen weiterhin singen und musizieren. Sie bauen damit Brücken über Gräben, die mit Worten kaum noch zu überbrücken sind.
