SWR4 Sonntagsgedanken
„Hört nicht auf zu beten!“, hat der Apostel Paulus einmal in einem Brief an die Christen in Rom geschrieben. Die hatten dort nicht viel zu lachen: Jesus war von den Römern gekreuzigt worden. Und sie selbst galten als Störenfriede: als Aufrührer und Gefahr für den Staat.
Not lehrt Beten, heißt es ja. Doch manchmal verstummen Menschen in Not auch und können einfach nicht mehr beten. Vielleicht war in Rom die Not größer als das Vertrauen ins Gebet. Ich denke an Menschen, die mir sagen: Ach, Beten – das lohnt sich doch nicht. Ich hab so viel gebetet, erzählt einer nach dem Tod seiner Frau. Dass sie’s schafft, dass sie noch ein bisschen leben kann. Aber es hat nichts genutzt, sie ist gestorben. – Ich hab so viel gebetet, sagt eine andere. Dass endlich Frieden wird. So viele Menschen hoffen darauf. Aber es wird nur immer schlimmer. Ihr Vertrauen, dass sie jemand hört, hat die Frau verloren.
Vielleicht haben sie damals in Rom ja auch so geredet. Eine Hand voll Christen – verfolgt vom Kaiser und gegängelt von den Behörden. „Hört nicht auf zu beten“, sagt Paulus ihnen. Bleibt dran! Lasst das Gebet nicht abreißen!
Ich war vielleicht 11 Jahre alt, als ich einmal aufgehört habe zu beten. Bei mir war nichts weiter Schlimmes passiert. Trotzdem habe auch ich mich gefragt: Wer hört das, was ich sage? Es antwortet ja niemand, oder? Mein kindliches Vertrauen hatte ich verloren. Die Kindergebete passten plötzlich nicht mehr. Ein Gefühl, als wäre ich viel zu früh erwachsen geworden.
Doch nach ein paar Jahren bin ich auf eine schöne Geschichte gestoßen. Einem Gaukler, einem Straßenkünstler und Spaßmacher, schien sein Leben eines Tages leer und sinnlos. Er wollte in ein Kloster eintreten und nur noch für Gott leben. Aber – er konnte nicht beten. Er wusste einfach nicht, wie das geht. Da hat er sich auf das besonnen, was er doch konnte. Und hat angefangen zu tanzen. Er konnte gar nicht mehr aufhören. Der Abt des Klosters hat ihn dabei heimlich beobachtet. Und hat ihn zu sich gerufen. Der Gaukler dachte traurig: Ach, jetzt werde ich bestimmt aus dem Kloster geschmissen! Doch der Abt sagte: Was hast du für ein wunderschönes Gebet getanzt! Mach weiter so!
Beten ist noch viel mehr als Worte zu machen. Und auch mehr als zu hoffen, dass da jemand sofort antwortet. Beten bedeutet, Kontakt zu halten und mich meinem Gott zu zeigen: Sprechend oder schweigend. Tanzend und singend – oder ganz still atmend. Wenn das so ist: Kann man dann überhaupt aufhören zu beten?
Der jüdische Gelehrte Abraham Joshua Heschel hat einmal geschrieben, dass das Gebet kein Mittel ist, das man gelegentlich anwenden kann – „ein letzter Ausweg dann und wann. Es ist vielmehr ein fester Wohnsitz für das Innerste der Person. Alle Dinge haben eine Heimat: Der Vogel hat sein Nest, der Fuchs seinen Bau und die Bienen ihren Stock. Eine Seele ohne Gebet“ – schreibt der Gelehrte – „eine Seele ohne Gebet ist eine Seele ohne Heimat.“
Als ich als Kind meinte, ich könnte nicht mehr beten – da habe ich mich gefühlt wie ohne Heimat, ohne Obdach. Doch jetzt verstehe ich: Ich bin eigentlich immer in dieser Heimat geblieben. Ich war nur zu klein, um das zu verstehen. Mein Gebet hat viele Formen, viele Gesichter. Jede Seele hat bei Gott eine Heimat. In einem der schönsten Gebete der Bibel lese ich, dass ich nie aus dieser Heimat der Seele herausfallen kann. „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ Vielleicht kennen Sie diesen wunderbaren Satz. In diesem Gebet, diesem Psalm, da heißt es auch: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“
Meine Seele ist immer zu Hause. Auch wenn ich ausbrechen will, wenn ich von Gott nichts wissen will. Oder enttäuscht bin und mein Vertrauen verloren habe, dass da einer ist, der mich hört: Wenn ich bete, dass der geliebte Mensch an meiner Seite doch noch einmal gesund werden darf. Oder wenn ich bete um Frieden in der Welt. Wenn ich am liebsten laut schreien will: Das Beten lohnt sich doch sowieso nicht! Zeitverschwendung!
Trotzdem – schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief: „Hört nicht auf zu beten!“ – Dran bleiben und den Kontakt nicht abreißen lassen. Gott ist da. Gott umgibt mich von allen Seiten und hält seine Hand über mir. Auch am äußersten Meer. Auch in Not und Finsternis. Sogar, wenn ich mich verlassen fühle und ohne Heimat. Oder keine Worte mehr finde und auch nicht mehr tanzen mag.
„Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“, heißt es in einem Kirchenlied. Da wohnt meine Seele. Da darf sie ruhig werden. Und darauf vertrauen: Man kann wahrscheinlich gar nicht nicht beten.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!
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