SWR Kultur Wort zum Tag
Vor nicht langer Zeit hatte ich Besuch von einer Bekannten, die in der DDR–Opposition aktiv gewesen ist. Eine Bemerkung von ihr treibt mich weiter um. Sie hat gesagt:
„Wir blicken in Deutschland oft nur auf die Opfer und die Täter!
Wo bleiben die Widerständler? Wo die Frauen und Männer, die sich gegen Unrecht gewehrt haben und die, die es immer wieder tun?“
Ihre Frage hat etwas in mir ausgelöst:
Wie kommt es eigentlich, dass auch in meinem Kopf so viele Opfer- und Täterbiographien sind? Und nur so wenige von denen, die sich gewehrt haben.
Die Verfolgten und Gequälten der NS-Zeit dürfen nicht vergessen werden. Keine Frage.
Ich habe mich immer wieder dafür eingesetzt. Bei der Verlegung von Stolpersteinen und bei Gedenkveranstaltungen. Und auch die Täter und Täterinnen, ihre Namen und ihre Untaten, haben mich interessiert. Da waren in der Elterngeneration nicht wenige darunter. Doch warum sind meine Erinnerungen an Menschen, die sich gewehrt haben, so spärlich ausgebildet? Hängt es mit Hölderlins Wort zusammen, die Deutschen seien „gedankenvoll und tatenarm“? Bin ich darin womöglich sehr deutsch?
Bei einem ökumenischen Gottesdienst vor ein paar Wochen habe ich eine überraschende Erfahrung gemacht. Es war am 1. Advent. Eine Erzieherin aus der KiTa hat in Bezug auf den „Tag der Gewalt gegen Frauen“ diese Fürbitte formuliert: „Für alle, die sich erfolgreich dagegen gewehrt haben...!“
Da konnte ich mit vollen Herzen mit.
Und musste mich zugleich auch wundern: So eine Fürbitte hatte ich noch nie zuvor in einem Gottesdienst gehört: Für Menschen, die sich erfolgreich gewehrt haben.
In meinen Gebeten will ich dieser Spur Raum geben.
Und ich spüre in der Bitte für die, die sich wehren, eine Kraftquelle: den Geist Jesu.
Dieser Geist hat Christen in allen Jahrhunderten gestärkt:
beim Neinsagen gegen Unterdrückung, beim Eintreten für Entrechtete.
Auch in der NS-Zeit.
Durch diese Menschen sind die Spuren des Evangeliums von Jesus erkennbar geblieben.
Und haben auch mich erreicht.
Verbunden mit solchen widerständigen Zeugen will ich - nicht nur gedankenvoll und tatenarm - dem Wort Jesu aus der Bergpredigt folgen: „Selig sind, die hungern nach Gerechtigkeit!“ Und dazu gehört auch, dem Unrecht zu widerstehen.
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