Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Ist kein Gott drin“, das hat die Enkelin der Theologin Dorothee Sölle mal gesagt. „Ist kein Gott drin!“ Gemeint war eine Kirche. Dorothee Sölle ist gerne mit ihrer ganzen Familie auf Reisen gegangen. Und dabei hat sie sie immer in sämtliche Kirchen geschleppt, die auf dem Weg lagen. Und in einer besonders kargen und düsteren Kirche hat sich ihre Enkelin nur kurz umgeschaut und hat trocken festgestellt: „Ist kein Gott drin.“
Ich hatte meine Freude an dieser kleinen Geschichte. Weil sie mir mit so einfachen Worten klargemacht hat, was ich eigentlich in einer Kirche suche. Ich schaue nämlich auch so gerne in alle möglichen Kirchen rein. Aber nicht aus Kulturbeflissenheit. Für mich sind Kirchen Sehnsuchtsorte; da suche ich die Verbindung zu Gott. Und deshalb interessiert mich in erster Linie, ob eine Kirche auch ein Gotteshaus ist. Oder um es mit Sölles Enkelin zu sagen: Ob Gott drin ist.
Woran ich das festmache?
Das erste, was ich in einer Kirche wahrnehme, ist der Geruch. Jede Kirche riecht anders. Manche riechen so muffig, da möchte ich direkt wieder umkehren. Aber meistens riecht es auf ehrwürdige Weise alt; nach altem, geschichtsträchtigem Gemäuer, das schon viel gesehen hat; manchmal riecht dazu noch nach Blumen; oder nach Weihrauch.
Wenn ich dann weiter in den Kirchenraum hineintrete und mich dann eine gewisse Ehrfurcht ergreift, dann weiß ich: Hier bin ich richtig; hier fühle ich mich von etwas Größerem umfangen. Und ich suche mir einen Platz, an dem ich ungestört verweilen kann.
So kann ich lange schweigend sitzen. Ich versuche, mich mit Gott zu verbinden. Man könnte es auch meditieren nennen, oder beten. Manchmal fühle ich mich Gott ganz nah. Und manchmal tut mir einfach nur die Ruhe gut. Aber immer ist es ein bisschen wie nach Hause kommen. Dann nämlich, wenn das Gotteshaus bewohnt ist. Also: Wenn Gott drin ist.
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