SWR4 Feiertagsgedanken
Da liegen sie vor uns: 365 neue Tage. Für mich hat der Neujahrsmorgen immer etwas von Aufbruchstimmung und Neuanfang – ich mag das. Ich blicke gern und vertrauensvoll in die Zukunft – obwohl niemand von uns weiß, was die neue Zeit bringen wird. Und ich muss zugeben, dass meine Zuversicht dieses Mal auch einen leichten Knacks bekommen hat. Ich muss an eine junge Frau denken: Eleonore.
Eleonore ist 17 Jahre alt und hat im vergangenen Jahr mit mir einen Gottesdienst für Jugendliche gefeiert. Sie hat einen Teil der Predigt übernommen und gesagt: „Trump ist wieder da, in Europa ist Krieg, die Wirtschaft ist schwach. Das macht mir alles Angst.“ Und ich muss Ihnen ehrlich sagen: Ich wusste nicht, wie ich sie hätte trösten können. Oder ihr Mut machen. Eleonore hat es gewagt, sehr persönlich von ihrer Zukunftsangst zu sprechen. Und ihre Angst und Ratlosigkeit sind in dem Moment zu mir „rübergeschwappt“ und haben auch mich ratlos gemacht.
Eleonore ist aber nur eine von mehreren Jugendlichen, mit denen ich arbeite. Ich bin Pfarrer für Menschen zwischen 14 und 27 Jahren. Und wenn ich mich mit den jungen Leuten unterhalte, wird mir klar, dass sie in ihrem Leben eigentlich nur schlechte Nachrichten kennengelernt haben. Es ging los mit Corona, dann kam der Krieg in der Ukraine, immer wieder Nachrichten über Klimakatastrophen, jetzt die Wahl in den USA, von der niemand weiß, was sie für die Welt bedeutet. Es ist kein Wunder, dass sie auf das Jahr 2025 schauen und sich fragen: „Was für einen Knüppel wird uns 2025 zwischen die Beine werfen?“
Heute, am ersten Januar, weiß auch ich nicht, was das neue Jahr bringen wird. Und trotzdem fühlt er sich doch wieder nach Aufbruch an, nach Neuanfang und – nach Zukunft. Und wenn ich an Eleonore denke, dann merke ich: Es ist ein guter Tag, um über Zukunft und Angst zu sprechen. Ich möchte Pläne schmieden – in die Zukunft hinein. Und gerade den jungen Menschen wie Eleonore Mut machen, weit nach vorne zu schauen. Die Zukunft ist ein Raum mit Platz für Ideen, Fantasien und von Träumen, die real werden können. Das fühlt sich groß und weit an in mir. Angst aber kommt vom gleichen Wort wie Enge. Angst macht eng, beklommen und traumlos. Angst und Zukunft vertragen sich nicht. Die Angst macht die Zukunft klein. Eine Zukunft aber kann Angst überwinden.
Als Christ bin ich davon überzeugt: Zukunft hat etwas mit Gott zu tun. Mein Vertrauen hilft mir, die Enge der Angst abzuschütteln. Und ich versuche immer wieder, mit meinen Jugendlichen Zukunftsspuren Gottes in ihrem Leben zu finden. Eine Geschichte, die uns dabei immer wieder hilft, stammt aus dem Alten Testament. Ich erzähle Ihnen kurz den Zusammenhang:
Das Volk Israel ist vom Propheten Mose aus der Sklaverei in Ägypten befreit worden. Lange Jahre war Mose ihr Anführer. Jetzt ist er gestorben, und sein Nachfolger Josua hat Angst. Er weiß nicht, ob er die Herausforderung meistert, das Volk anzuführen. Noch sind sie in ihrer neuen Heimat nicht angekommen. Und Josua hat keine Ahnung, welche Probleme und Krisen die Zukunft bringen wird. Auf der Grenze zu Israel sagt Gott zu ihm: Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Jos 1, 9b) Hab keine Angst, Gott ist bei Dir. Das zu hören und zu spüren war für Josua der Moment, in dem er seine Angst überwinden konnte. Und dann hat er die Aufgabe, die vor ihm lag, angepackt.
Ich finde: Wenn Gott bei mir ist, dann kann die Angst nicht gewinnen. Denn schon das wenige, das ich von Gott erkenne, ist viel größer und viel weiter als alle Enge. Aus der Psychologie weiß ich, dass Angst ein Gefühl ohne Ziel ist. Angst ist ein Gefühl, dass sich über alles legt und mir die Zukunft mit einer grauen Wolke verhängt. Da ist der Satz „Gott ist bei mir“ wie eine Sonne mitten in der Regenwolke.
Liebe Hörerinnen und Hörer, ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr. Und das Vertrauen, dass Gott an unserer Seite ist, egal was 2025 bringen wird. Besonders wünsche ich das den jungen Leuten, wie Eleonore: dass sie es wagen, zuversichtlich und weit in die Zukunft zu sehen. Auch im neuen Jahr wird es schlechte Nachrichten geben und Herausforderungen, die einem Angst machen können. Am besten, wir machen uns dann gemeinsam wieder auf die Suche: nach der Sonne mitten in der Regenwolke. Gerade dann, wenn es sich so anfühlt, als ständen wir mitten in der Regenwolke. Denn Gott sagt auch Ihnen: „Ich bin schon da. Hab keine Angst, ich bin bei Dir.“
Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes neues Jahr voller Zukunft.
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