SWR Kultur Wort zum Tag

10DEZ2024
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„Leise rieselt der Schnee“. So singen wir alle Jahre wieder. Ob der Schnee in dicken Flocken vom Himmel fällt oder als Eisregen, spielt dabei keine Rolle. Schnee ist Schnee. Die Inuit freilich, die in arktischen Regionen der Erde leben, kennen viele Dutzend Bezeichnungen dafür. Nutaryuq – das ist der gerade gefallene Neuschnee. Kanevvluk – das ist der leichte Schnee, der etwas pulvrig ist und schon von wenig Wind weggepustet wird. Und utvak bezeichnet den Schnee, der ganz fest ist und gut zusammenhält, eine Art „Schneeblock“. Nutaryuq – kanevvluk – utvak: drei von vielen Worten für das, wofür wir im Deutschen nur ein Wort haben: „Schnee“.

Indem die Inuit verschiedene Ausdrücke für das eine deutsche Wort „Schnee“ benutzen, beschreiben sie genauer, was ihnen im Leben wichtig ist. Nutaryuk – das ist nicht einfach nur Schnee. Sondern das ist der Neuschnee, der gerade erst die Tundra bedeckt. Das Herz hüpft vor Freude, dass nun endlich der Winter beginnt. Der Neuschnee ist da, auf dem man die Pfotenabdrücke der Hasen gut sieht. So viel leichter wird Jagd dadurch! Neuschnee, das ist der Bote eines besseren Lebens.

Ich frage mich, ob wir nicht für unser Wort „Glauben“ auch viel mehr verschiedene Ausdrücke bräuchten. Ich merke das, wenn ich gefragt werde: „Glaubst Du eigentlich?“ Am liebsten würde ich antworten: „Die Frage ist mir zu ungenau. Vielleicht, weil wir nur das eine Wort ‚Glauben‘ haben – für etwas, was ich als so unterschiedlich erlebe. Am Anfang ist der Glaube vielleicht wie nutaryuq, wie Neuschnee. Er lässt das Herz hüpfen, weil ich das Leben als wunderschön und glitzernd erlebe. Voller Freude sehe ich überall Spuren Gottes in meinem Leben wie Pfotenabdrücke im Schnee.“

„Dann erlebe ich Phasen, an denen mein Glaube wie kanevvluk ist, wie leichter Schnee. Ein Windstoß fährt durch mein Leben. Ich mache einen Fehler oder erlebe etwas Schwieriges. Schon wird mein Glaube in großen Teilen weggepustet. Meine Seele liegt ganz bloß da, kaum schaffe ich es mehr, mich an Gott zu wenden in meiner Not.“ „Aber dann erlebe ich auch wieder Menschen, deren Glaube wie utvak ist, fest wie ein Schneeblock. Die erzählen mit großer Freude von ihrem Glauben auch dann, wenn sie die einzigen Christen in einer großen Gruppe sind. Das beeindruckt mich und lässt auch meinen Glauben ein wenig mehr wie utvak sein.“

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