SWR4 Sonntags-/Feiertagsgedanken

01DEZ2024
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Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast“, so haben meine Eltern mit mir vor dem Essen am Küchentisch gebetet. So richtig verstanden habe ich das Gebet damals nicht, aber es gehörte einfach zum Essen dazu. Ich kannte diesen Jesus vom Religionsunterricht und von der Kirche. Mit dicken Buntstiften habe ich Bilder von ihm gemalt. Es waren für mich Geschichten aus der Vergangenheit, damals, vor 2000 Jahren. Dass er wirklich kommen könnte, darüber habe ich nicht groß nachgedacht.

Dieses Komm, Herr Jesus war für die Christen im ersten Jahrhundert ein ganz besonderes Gebet. Unerschütterlich glaubten sie, dass ihr Herr Jesus praktisch jeden Moment in Macht und Herrlichkeit wiederkommen könnte. Wie ein unerwarteter Gast. Komm, Herr Jesus. Das war ein Seufzer voller Sehnsucht und Hoffnung. Jesus würde es endlich richten. All der Brutalität und Zerstörung könnte er allein ein Ende setzen.  Denn die Zeiten waren alles andere als rosig. Das Land war von den Römern besetzt. Jerusalem war zerstört und lag in Schutt und Asche. Die vielen Kranken und Bettler auf der Straße zeigten, wie sehr das Land von Armut und sozialen Spannungen gezeichnet war. Inmitten all der Sorgen und Angst war ihr Gebet umso stärker: Komm, Herr Jesus.

Im Text aus der Bibel, der heute im katholischen Gottesdienst zum ersten Advent vorgelesen wird, berichtet der Evangelist Lukas wie erschüttert die Menschen damals waren. Mit drastischen Bildern beschreibt er eine Weltuntergangsstimmung, die einem Angst und Schrecken einjagt. Da tobt und donnert das Meer und die Sonne, der Mond und die Sterne werden erschüttert. Die Völker der Erde sind all dem hilflos ausgeliefert und vergehen vor Angst. Widersprüchlicher als mit solchen Texten kann man die Adventszeit nicht beginnen. Einerseits hören wir verstörende Schreckensbilder, andererseits soll doch jetzt eine Zeit der Stille beginnen. Eine Zeit der Besinnung und des Friedens. Eine Vorbereitungszeit auf die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem

Vielen Menschen geht es heute, am ersten Advent, ähnlich wie den Menschen zu Jesu Lebzeiten. Tagtäglich sehen wir Bilder der Zerstörung. Menschen mit Tränen in den Augen in den Nachrichten und Zeitungen. Irgendwo auf der Flucht. In Kellern und Bunkern, oder vor ihren zerbombten Häusern. Und auch uns hier in Europa geht es alles andere als gut. Ängste machen sich schon bei Kindern und Jugendlichen breit. Der Klimawandel kommt bis vor unsere Haustür. Fremdenhass ist wieder mittendrin in der Gesellschaft und die Gefahr eines Krieges beschäftigt uns. Gefühlt war es schon lange nicht mehr so dunkel in der Welt.

Kaum jemand betet heute noch Komm, Herr Jesus,sei unser Gast.

Und doch, so schrieb kürzlich der Publizist Heribert Prantl über diese letzten beiden Monate im Jahr: Es ist die Zeit der kleinen Lichter. Sie brennen auf den Gräbern an Allerheiligen, sie leuchten beim Martinszug, sie stecken dann auf dem Adventskranz und auf dem Weihnachtsbaum. Die kleinen Lichter stehen für die Hoffnung. Ihr Licht ist schwach und klein - aber es reicht wohl, um Ritzen im Gebäude der Geschichte kenntlich zu machen; es sind die Ritze, durch die Hoffnungsschimmer fallen. Das stimmt. Je länger und dunkler die Nächte werden, desto mehr Kerzen zünden wir an. Sie stehen dafür, etwas gegen die Dunkelheit zu tun. Davon erzählt auch ein Adventslied, das weder in der Bibel noch im Gesangbuch steht. Geschrieben hat es der jüdische Poet und Sänger Leonhard Cohen. Dass das Licht immer stärker ist als die Dunkelheit, daran lässt der Refrain seines Liedes keinen Zweifel, wenn er immer wieder singt: Da ist ein Riss, ein Riss in allem. Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt. Cohens Lied ist kein billiger Trost. Die Analyse der Zeit in seinem Liedtext ist geradezu nüchtern und niederschmetternd. Es beschreibt wie all die Kriege endlos weitergehen. Wie sich Gesetzlosigkeit Platz verschafft und wie Menschen, die töten ihre Gebete scheinheilig sprechen. Plärrend – so heißt es im Lied. In Cohens Lied heißt es aber auch an einer Stelle: Läute die Glocken, die noch läuten können. Es sind Glocken, die daran erinnern sollen, dass es da noch einen Riss gibt. Einen Spalt in allem, der dem Licht eine Chance gibt. Weil keine Finsternis so finster ist, dass nicht doch etwas Licht durchdringen könnte.

Komm, Herr Jesus, sei unser Gast. Das mir damals fremde Gebet am Küchentisch bleibt mir unvergessen. Jesus war da irgendwie auch noch da. Wie ein Gast. Unerwartet. Mitten im Alltag und seinen Zumutungen. Er hat dem Licht getraut. Seinem Vater im Himmel wie er sagte. Dort wo Jesus war, atmeten die Menschen auf. Hatten keine Angst. Fühlten sich wertgeschätzt.

Weihnachten ist vielleicht nur so ein kleiner Lichtblick. Ein Ritz. Ein Spalt. Ein kurzes Innehalten im Trubel der Welt. Und doch eine Ermutigung dem Licht zu trauen. Licht zu bringen. Dort wo Hass und Hetze sind. Dort wo Angst geschürt wird und Zukunftsängste sich breitmachen. Haben Sie ihre Adventskranzkerze schon angezündet? Wenn ich gleich die erste Kerze auf dem Kranz anzünde, dann möchte ich diesen kleinen Spalt nutzen, der sich damit auftut. Ich möchte dem Licht trauen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41116
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