SWR4 Abendgedanken

21NOV2024
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Spinnen, Hunde, Höhen – das sind die Top 3 der Dinge, vor denen sich meine Schülerinnen und Schüler fürchten. Wir sprechen im Religionsunterricht über „Angst“ und haben erstmal eine Umfrage gemacht. Mit den Top-3 Antworten hab ich schon gerechnet, aber meine Sechstklässler haben auch Sachen aufgeschrieben, bei denen ich schlucken musste:

„Angst vor der Schule“ oder „Angst davor, dass meine Eltern sterben“. Puh… Heftig, welche Ängste meine elfjährigen Schüler schon begleiten.

Dann beginnen wir und überlegen zusammen, welche guten und welche schlechten Seiten Angst hat. Bei den schlechten kommt schnell was zusammen: Luisa meldet sich: „Angst macht einsam, wenn man sich was nicht traut.“ Und Tom ergänzt: „Angst spürt man im ganzen Körper – man wird starr, oder zittert und hat ein blödes Gefühl im Bauch.“ Beim Positiven überlegen meine Schüler länger. Nach einer Weile meint Maxym: „Wenn ich Angst habe irgendwo runterzufallen, passe ich viel besser auf und mir passiert nichts.“ Von anderen kommt: „Angst kann auch Spaß machen – wenn man sich in der Geisterbahn gruselt.“ Oder „Es fühlt sich toll an, wenn ich meine Angst überwinde und mich etwas traue.“

Und schließlich sammeln wir Rezepte, was man gegen Ängste machen kann. Mit einer Ärztin oder Therapeutin sprechen. Oder sich informieren: Denn wenn ich mich richtig gut mit Spinnen auskenne, finde ich sie vielleicht irgendwann nicht mehr schlimm, sondern voll interessant. Niemand muss seine Ängste unterdrücken oder wegschieben. Manche Ängste bleiben Lebensbegleiter. Aber wenn ich merke, dass sie mich zu sehr einschränken, dann darf ich auch Hilfe annehmen.

So überlege ich mit meinen Schülerinnen und Schülern, und dann kommt die Frage von Tom: „Und was hilft, wenn ich Angst habe, dass meine Eltern sterben?“ Da wird es ruhig im Klassenzimmer, aber allmählich können wir auch darüber reden. Jemand schlägt vor, mit den Eltern oder Freunden über diese Angst zu sprechen. Was für eine wunderbare Idee. Immer wenn ich mit jemandem darüber rede, was mich belastet, merke ich, dass ich mit meiner Angst nicht alleine bin. Im besten Fall merke ich, dass es andere gibt, denen ich mich anvertrauen und auf die mich verlassen kann.

Am Ende der Stunde schnauft Tom einmal tief durch. Er war derjenige, der mit seiner Frage das Gespräch erst so richtig ins Rollen gebracht hat. Jetzt wirkt er erleichtert. Seine Angst ist sicher noch nicht weg, aber wir haben ihr gemeinsam ein bisschen den Schrecken genommen. Denn: Über Ängste sprechen hilft. Immer.

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