Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich bin in Vaihingen an der Enz aufgewachsen. Wir sind als Familie dort gelandet, weil mein Vater damals in der Nähe Arbeit gefunden hatte. Wir waren in der Kleinstadt erst einmal vollkommen fremd. Für meine Eltern gab es nach der Vertreibung aus Tschechien 1945 keine Heimat mehr. Sie kannten niemanden, egal wo sie hingekommen sind. Deshalb war die Kirchengemeinde St. Antonius in Vaihingen die erste Gemeinschaft, zu der sie Kontakt aufgenommen haben. Der Glaube an Jesus, die vertrauten Rituale im Gottesdienst, gemeinsame Gebete und andere Heimatvertriebene, die das gleiche Schicksal hatten wie wir, haben uns als Familie Halt gegeben. Ich habe schon als Kind gespürt, wie existentiell es ist, dazuzugehören. Mit anderen Menschen verbunden zu sein, sich füreinander zu interessieren, Freundschaften zu finden. Vaihingen/Enz als Stadt kann sich glücklich schätzen, weil sie jedes Jahr an Pfingsten ein Jahrhunderte altes Fest feiert: Den Maientag. Alle Bewohnerinnen und Bewohner sind eingeladen, als Menschen dieser Stadt ihre Gemeinschaft zu feiern. Dieses Jahr ist mir das besonders zu Herzen gegangen als mir ein Schwarzes Mädchen auf dem Marktplatz über den Weg gelaufen ist. Sie hatte ein rotblaues Kleid an. Das sind die Stadtfarben von Vaihingen. Im Haar ein wunderschön gebundenes Kränzchen aus echten Blumen und weiße Lackschuhe an den Füßen. Sie strahlte übers ganze Gesicht. Für einen Moment war ich selbst wieder acht Jahre alt. Habe mich gesehen mit meinem rotblauen Kleid und dem Blumenkranz im Haar zum Maientag. Ich war glücklich damals. Beim traditionellen Umzug bin ich mit meiner Klasse mitgelaufen. Ich habe dazugehört. Zu dieser Schule. Zu dieser Stadt. Zur ökumenischen Gemeinde. Die ganze Stadt feiert an Pfingsten miteinander. Musikvereine, alle Sportvereine, Schulen, Stadtteilgemeinden, alle ausländischen Vereine. Menschen, die sich kennen oder auch nicht, wünschen sich auf der Straße „an scheena Maiadag“.
Zum Abschluss des Maientags am Pfingstmontag auf dem Vaihinger Markplatz singen alle, die gekommen sind: „Nun danket alle Gott. Mit Herzen, Mund und Händen.“ Ein Gänsehautmoment für mich. Weil ich etwas davon spüren kann, wie wir Menschen verbunden sind. Ganz gleich, welche Hautfarbe wir haben, welche Sprache wir sprechen und wo wir geboren sind.
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