SWR4 Abendgedanken
Langsam tritt mein Fuß das Pedal durch und ich höre das beständige Geknatter und Surren meiner Nähmaschine. Ich liebe es zu nähen und es fasziniert mich zu sehen, wie Schritt für Schritt ein neues Kleidungsstück entsteht.
„Kleider machen Leute“, sagt der Volksmund. Vermutlich kannten weder der Apostel Paulus noch seine Schüler diesen Spruch – trotzdem verwenden sie das Bild eines Kleides in einem ihrer Briefe. Für Paulus steht fest: nicht nur Kleider machen Leute, sondern als Menschen kleiden wir uns im übertragenen Sinne mit verschiedenen Eigenschaften. Das imaginäre Kleid besteht für ihn aus Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld. Diese Eigenschaften sind sozusagen die verschiedenen Stofflagen des Kleides.
Ich finde das einen schönen Gedanken, Freundlichkeit oder Geduld anzuziehen. Mich damit zu bekleiden. Mich ganz von diesen „Stofflagen“ umhüllen zu lassen. Es verändert mich. Genau wie echte Kleidung Menschen verändern kann. Läuft eine zum Beispiel immer in Jeans und T-Shirt herum, sieht sie ganz anders aus, wenn sie auf einmal ein Abendkleid mit High Heels trägt.
Paulus kennt sowas auch. Deshalb ist es ihm so wichtig, sich mit guten Eigenschaften zu bekleiden. Er ist überzeugt: so verändere ich mein Umfeld. Ich wirke positiv auf meine Mitmenschen ein. Und vielleicht ermutige ich sie sogar dazu, sich selber mit guten Eigenschaften zu kleiden. Deshalb sagt er: Kol 3,13-14 Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorwirft. Vor allem aber bekleidet Euch mit der Liebe.
Denn auf die Liebe kommt es an: Als Paulus diesen Brief schreibt, gab es keine Maßanfertigungen. Kleider waren weite Gewänder aus verschiedenen Stofflagen. Passend gemacht wurden sie durch einen Gürtel, der über alle Schichten zuletzt angelegt wurde. Erst dadurch bekam das Gewand eine Form. Die Liebe ist dieser Gürtel. Erst mit der Liebe wird es möglich sich zu verbinden, sich gegenseitig anzunehmen – und manchmal eben auch sich zu ertragen.
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