SWR4 Sonntagsgedanken
Ich kann mich noch gut an meine Zeit im Kindergottesdienst erinnern. Erntedank war immer ein besonderer Sonntag: Wir durften zu den Erwachsenen in den Gottesdienst. Und nicht nur das: Wir brachten allerlei Früchte mit. Kürbisse, Zucchini, Auberginen und Berge von Trauben. „Mit Gaben den Altar schmücken“ – so hieß das damals. Und in unseren Augen war klar: Mit den Gaben sah die Kirche gleich nochmal so schön aus.
Danach wurden die Gaben zu Gunsten eines Kinderheims unter den Gottesdienstfeiernden versteigert. Ob irgendjemand dann aus unseren Gaben um den Altar herum etwas gekocht hat, weiß ich nicht. Für uns war das Schmücken das Schöne. Ich habe aber auch noch im Ohr, was der Pfarrer damals zu uns sagte: „Dank Gott dafür, dass wir Essen haben.“ Damals haben wir das noch nicht so verstanden. Aber wir haben eine erste Ahnung davon bekommen, wie abhängig wir sind von dem Wunder, dass auf der Erde etwas wächst.
Heutzutage gibt es so ein Brauchtum an den Altären immer noch. Aber die Gespräche über den Wert von Feldfrüchten haben sich, meine ich, verlagert. Vom Altar, dem Tisch in einer Kirche, zum Esszimmertisch in der Familie oder bei Freundinnen und Freunden.
Mein Eindruck ist: In meinem Bekanntenkreis regen die zubereiteten Nahrungsmittel erstmal nicht zum Dank an, sondern zu einer hitzigen Diskussion. Der eine lebt vegan, der nächste vegetarisch, die dritte ist Flexitarierin. Sie isst also ab und zu Fleisch. Und der vierte teilt mit: Ich lasse mir mein Schnitzel nicht verbieten! Manchmal bedaure ich das schon. Alle vier könnten schön beisammen sitzen. Aber die Frage, wer „am richtigsten“ isst, steht dem wohl im Wege.
Ich stelle mir diese vier nur mal als Experiment an Erntedank in einer Kirche vor. Wahrscheinlich schmücken sie den Altar nicht zusammen. Sondern bauen sich eigene Altäre in den Ecken der Kirche. Die Lebensmittel der anderen kommen nur in Auswahl vor. Wenn überhaupt.
Eigentlich könnte das Erntedankfest einmal als Chance gedacht werden, miteinander darüber zu sprechen, wie gut wir es hier haben. Gerade auch im Vergleich zu Ländern, in denen Menschen hungern. Ich finde: Das Erntedankfest mit seinen buntgeschmückten Altären sollte wieder ein zentraler Ort werden, um über Nahrungsmittel zu sprechen. Und zwar ohne verhärtete Meinung. #
Decken wir also gedanklich den Tisch. In einer Ecke steht ein veganes Gericht. In der zweiten ein vegetarisches. In der dritten steht ein Braten und in der vierten Ecke liegt ein Zettel aus der Bibel, auf dem steht: Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet (1. Tim 4, 4f).
Das ist doch für die drei Esser an diesem Tisch ein echtes Friedensangebot. Mindestens aber eine Aufforderung, mal miteinander zu sprechen. Denn zumindest in christlich-biblischer Perspektive haben alle drei einen gemeinsamen Nenner: Das, was sie essen, können sie dankbar empfangen. Beschenkt sind also alle drei. Und deshalb können alle drei gemeinsam mit Danksagung empfangen, wie es in der Bibel steht. Typisch wäre zum Beispiel ein kurzes Dankgebet vor dem Essen. Menschen haben schon immer ihre Danksagung im Gebet artikuliert.
Ich spüre diese Dankbarkeit gerne in mir. Und ich vermute, so dankbar können sich nicht nur wir Menschen fühlen. Wenn nämlich zum Beispiel eine Kuh genüsslich auf der Weide kaut, dann empfängt sie das Gras mit wiederkäuender Danksagung. Wenn ein Schwein den Erdboden umgräbt, empfängt es Wurzeln und Knollen mit schnüffelnder Danksagung.
Und mir gefällt der Gedanke, dass Gott gerade irgendwo eine Kuh mit Futter beschenkt und sie ihm was vormuht. Oder ein Schwein ihm was grunzt, weil beide gerade nicht auf meinem Teller liegen.
Je älter ich werde, desto mehr, sehe ich das Wunder, dass auf dieser Erde Nahrung wächst für alles, was lebt. Und ich sehe, dass es sich lohnt daran zu erinnern, für dieses Wunder zu danken. Heute, an Erntedank ist der beste Tag, um das mit anderen gemeinsam zu tun. Der gemeinsame Boden: wir sind alle beschenkt.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Erntedanksonntag und eine gute Woche.
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