Begegnungen

Peter Annweiler trifft Anahita Azizi, Aktivistin von Frauen.Leben.Freiheit
Teil 1: Mutiges Engagement
Sie ist klug, sanft und engagiert - für Menschenrechte im Iran. Tief bewegt bin ich, als Anahita Azizi bei einer Ausstellung von Frauen- und Kinderzeichnungen in Mannheim spricht. Jetzt habe ich mich mit ihr verabredet und will mehr von der Aktivistin erfahren, die sich bei Frauen.Leben.Freiheit. engagiert. Schnell erzählt sie mir ihre Migrationsgeschichte.
Ich bin mit viereinhalb Jahren nach Deutschland gekommen, und damals sind wir geflohen, und das politische Asyl wurde hier gewährt. Und irgendwann war es dann möglich, mal zurückzugehen als Erwachsene. Das war spannend zu sehen, wie offen die Menschen sind, dass sie immer ein Spruch auf den Lippen, ein Lächeln auf den Lippen haben, neugierig sind, herzlich und gastfreundlich.
So wertvoll: Mit den eigenen Wurzeln in Kontakt zu bleiben. Gerade, weil Anahita Azizi es geschafft hat, in Deutschland zu Hause zu sein und beruflich erfolgreich in der IT-Branche zu arbeiten. Doch der Blick ins Land der Mullahs ist seit 45 Jahren beschwert.
Jetzt ist es aber so, dass diese Liebe zum Heimatland der Eltern, auch der eigenen Wurzeln, auch mit Schmerzen verbunden ist. Wenn man die Liebe dahin empfinden möchte und diese Sehnsucht, dann öffnet man den Kanal nicht einspurig, sondern mit ihr kommen furchtbare Bilder vom Leid anderer Menschen, vom Tod anderer Menschen, von den Mark erschütternden Schreien von Menschen. Diesen Kanal zu öffnen, das war eine bewusste Entscheidung, und das hält dich nachts wach. Und das muss man sich gut überlegen, ob man sich dem hingeben möchte.
Anahita Azizi nimmt schlaflose Nächte in Kauf und geht hohe persönliche Risiken ein. Wie mutig. Wie entschlossen. Alles, weil die Mittdreissigerin an Leib und Seele erleiden musste, was Machtmissbrauch zerstören kann. Und deshalb will sie nicht, dass andere ähnliches erleiden.
Wenn wir uns den Iran angucken, dieses fundamentalistische Regime, dann habe ich in meiner eigenen Familie erlebt und auch in meinem Herzen, dass man das Gefühl hat, dass einem nicht nur die Heimat genommen worden ist, sondern Gott selbst - und das ist eine große Ungerechtigkeit.
Sogar Gott wird einem genommen. Religiöser Fundamentalismus zerschlägt und zerstört so Vieles. Klar, dass die Exil-Iranerin da der Religion gegenüber erst mal reserviert geblieben ist. Und doch hat sie, die keine Christin ist, sich eine Hoffnung bewahrt.
Es ist ein Glaube, dass es besser werden kann und dass, wenn wir daran basteln und daran arbeiten, uns auch wieder zur Erinnerung rufen: Wie wollen wir eigentlich mit den Schwächsten umgehen auf der Welt?
Sich einzusetzen für die Schwachen - das kann die Welt verändern. Und das ist ja auch eine Wurzel des Christentums. Deshalb spornt mich Anahita Azizis Haltung „von außen“ auch als Christ an.
Teil 2: Besonderes Bündnis
Sie hat zum Beispiel in der Mannheimer CityKirche Konkordien eine Ausstellung begleitet. Gezeigt wurden Bilder von Frauen und Mädchen aus dem Iran.
Ein Bild, das mich besonders mitgenommen hat, ist ein großes Bild einesMädchens mit wallenden langen Haaren. In diesen Haaren war eine ganze Welt. Da waren Tiere drin, das war Spielzeug abgezeichnet. Es war, es waren Figürchen. Es war so viel in diesem Haar, und ich schätze: Das muss das erste Jahr gewesen sein, dass sie dann ein Kopftuch hat tragen müssen
Sie, die über sich sagt: „Die Mullahs haben mir auch Gott genommen“, hat keine positive Erfahrung mit Religion gemacht. Denn die steht in Anahita Azizis Leben für Kopftuchzwang, Frauenfeindlichkeit und Diktatur. Deshalb war eine Ausstellung in einer Kirche für sie ungewohnt. Aber sie hat schnell gespürt: In der kirchlichen Menschenrechtsarbeit findet sie Verbündete – und erkennt, wie Religion Menschen auch positiv prägt.
Ich selber, ich habe das Gefühl nicht, Ehrfurcht zu erleben, wenn ich vor einer prunkvollen Kirche stehe oder Kathedrale. Was mich überkommt, ist das Fremdsein, die Etikette, nicht gern aufzufallen, dass man sagt: „Was macht die hier?“ - Und das Gefühl hatte ich keine Sekunde. Und ich bin seither in vielen Kirchen gewesen, auch in der katholischen Kirche und durfte dort sprechen. Also es erweitert sich jetzt, und das war ein starkes Gefühl, das mich innerlich gestärkt hat: Zu wissen, was möglich ist – Wahnsinn
Eine aufgeklärte, selbstkritische Religion – die kannte Anahita Azizi bisher nicht.
Für mich war die Erfahrung sehr neu, dass die größte Kritik an der evangelischen Kirche aus der evangelischen Kirche selbst ist, das war für mich so überwältigend zu sehen: dieses kritische Denken, dieses sich selbst Hinterfragen.
Und dann überrascht sie mich, wenn sie mir sagt, wie weit sie für kirchliches Engagement in Menschenrechtsfragen in ihren Kreisen gehen würde:
Soweit mich meine Füße tragen! - Ich habe tatsächlich das schon machen müssen. Das Projekt mit der Kirche, die Kunstausstellung zu verteidigen und zu sagen wir haben uns das wohlüberlegt. Und da kann ich schon überzeugend für die Kirche sprechen.
Für mich ein innerer Ansporn: Wenn Menschenrechtsaktivisten überzeugt von Kirche sprechen. Eben, weil sie in der Begegnung mit Christen spüren: Es geht im Christentum nicht um Kirchenmitglieder. Es geht um Gerechtigkeit und Würde für alle.
Schön, dass die Zusammenarbeit rund um die Ausstellung zu Frauen.Leben.Freiheit im November weiter geht. Wieder in einer Kirche. Und dass die mutige und kluge Anahita Azizi auch in der Speyrer Gedächtniskirche wieder engagiert dabei ist.
Mehr Infos zur Ausstellung Frauen.Leben.Freiheit. in Speyer:
https://www.speyer.de/de/familie-und-soziales/frauen/ausstellung-frau-leben-freiheit/

