SWR3 Gedanken

04OKT2024
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Kati freut sich über das Wort "toxisch". Das geht anderen ganz anders. Sie finden, dass dieses Wort so ein Zeitgeistphänomen ist. Vieles ist heutzutage toxisch, also giftig geworden. Männer und Beziehungen im Besonderen oder Eltern-Kind-Verhältnisse. Irgendwie kann alles toxisch sein. Toxisch wird inzwischen inflationär verwendet, finden jedenfalls diejenigen, die dieses Wort und seinen Gebrauch kritisieren.

Kati freut sich aber trotzdem über das Wort. Und sollte es tatsächlich der Zeitgeist gewesen sein, der uns dieses Wort gebracht hat, ist sie dem Zeitgeist überaus dankbar. Denn als Kati aufgewachsen ist, hat ihr Vater sie geschlagen. Kati heißt ganz anders und als sie jung war, war der Krieg gerade mal 10 Jahre vorbei.

Und dass Kati von ihrem Vater geschlagen wurde, war nicht ungewöhnlich, weil Elke und Hans damals auch geschlagen wurden. Nicht so schlimm wie Kati, aber Schläge bei Kindern - das entsprach dem damaligen Zeitgeist. Kein Mensch hat darüber geredet und vor allem: Es gab keinen Begriff dafür, dass Schläge nicht das richtige Mittel sind, Kinder zu erziehen.

Aber jetzt gibt es das Wort "Toxisch" und für Kati bringt es ihre Situation in den 50er Jahren auf den Punkt. Ihr Vater und seine Schläge haben ihr Leben vergiftet. Das hilft ihr, darüber zu sprechen. Zu benennen, was ihr im Leben Schwierigkeiten gemacht hat und auch mit anderen darüber zu sprechen, dass es toxische Beziehungen gibt und wie sie sich auswirken.

Und so sprechen weibliche und männliche Influencer in den Sozialen Medien über toxische Männlichkeit oder toxische Beziehungen. Für manche nur ein weiteres Zeitgeistphänomen. Für Kati ein Geschenk eines heilenden Geistes, womöglich des Heiligen Geistes…

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