SWR Kultur Wort zum Tag

13SEP2024
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Goldmund war sein Spitzname, aber eigentlich hieß er Johannes Chrysostomos. Von Hause aus ein syrischer Mönch, ziemlich gelehrt und der Meditation zugewandt. Aber bekannt wurde dieser Johannes durch seine Predigten, wirklich Gold wert. Das brachte ihn schließlich bis ins Zentrum der Macht und des Weltreichs: er wurde Erzbischof in Konstantinopel, damit einer der vier Patriarchen und Hausherr der berühmten Hagia Sophia. Aber seine brillianten Goldmund-Qualitäten brachten ihm auch eine Menge Ärger ein, denn er nahm kein Blatt vor den Mund. Er prangerte Missstände in der Kirche an und packte reformerisch zu; er mischte sich auch politisch ein und kritisierte Verschwendungssucht und Egoismen der Reichen und Mächtigen. Bibel und Evangelium trieben ihn um, große Teile davon konnte er auswendig, so wichtig waren sie ihm, er lebte sie auch. Die einfachen Leute schätzten das sehr, aber nicht nur im Kaiserhaus fühlte man sich angegriffen. Keine sechs Jahre im Amt wurde Johannes Chrysostomos abgesetzt und verbannt, abgeschoben nach Kleinasien zuerst und schließlich deportiert Richtung Kaukasus. Bei diesem brutalen Transport starb er, noch nicht mal 60 Jahre alt. Das war im Jahre 407, also vor mehr als 1600 Jahren. 

Dieser Johannes Chrysostomos wird bis heute hoch verehrt, besonders in den Ostkirchen, er gilt als großer Kirchenlehrer und überzeugender Christenmensch. In der Tat: selbst zu leben, was man lehrt, überzeugt immer. Das biblische Gebot der Gottes- und Nächstenliebe konkret umzusetzen, ist der einzig glaubwürdige Weg. Sich dann auch einzumischen und Flagge zu zeigen, ist vorbildlich. Und die Konsequenzen zu tragen, beispielhaft. Dabei hat Johannes Chrysostomos auch schwere Fehler gemacht, das macht ihn so menschlich. Seine Aussagen über die Juden z.B. sind derart rabiat, dass sie die Judenfeindschaft leider deutlich gefördert haben.  

Dass man seiner heute dennoch gedenkt, ist gut. Solch engagierte Christenmenschen braucht das Land.  Menschen, die sich heraustrauen und einmischen. Einen Gedanken des großen Lehrers habe ich mir besonders gemerkt: Die Bibel bräuchten wir eigentlich gar nicht, meinte Chrysostomos, wir hätten ja den Heiligen Geist und wüssten längst, was gut ist. Tatsächlich wissen wir ja alle, dass es auf Liebe und Recht ankommt. Aber wir leben es zu wenig, die Bibel ist uns deshalb als Lebenshilfe gegeben, als Krücke und Prothese. Aber aufs Tun kommt es an, gelegen oder ungelegen. Und aufs Stehvermögen.

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