SWR2 Wort zum Tag

17MAI2023
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Das nenne ich ein salomonisches Urteil! Der weise König Salomo hat es in biblischen Zeiten gefällt. In einer ziemlich verzwickten Angelegenheit.

Die Geschichte geht so. Zwei aufgeregte Mütter erscheinen mit einem kleinen Kind vor dem weisen Salomo. Die beiden Frauen streiten heftig darüber, wem das neugeborene Kind gehört.

Jede behauptet: „Mein Kind ist das!“ Der König soll herausfinden, wer die richtige Mutter ist. Gar nicht so einfach!

Doch der weise König hat eine Idee. Er fordert die streitenden Mütter auf, das Kind kurzerhand in zwei Teile zu teilen. Damit müssten doch die Ansprüche auf beiden Seiten befriedigt sein. Oder etwa nicht?

In Wahrheit ein unerträglicher Gedanke! Jedenfalls für die richtige Mutter des Kindes. Die sagt darum auch sofort: „Gebt mein Kind der anderen Frau! Ich will doch, dass mein Kind leben soll!“

Die Strategie des Königs ist aufgegangen. Es hat sich herausgestellt, wer die echte Mutter ist. Sie soll das Kind behalten!

Mich macht die Geschichte in mehrfacher Hinsicht nachdenklich. Zunächst sagt sie etwas über die Weisheit des Königs Salomo. Sein absurd klingender Vorschlag hat sich als durchaus weise herausgestellt.

Sie sagt aber auch etwas über wahre Mutterliebe. Die stellt nämlich das Leben des Kindes über die eigenen Besitzansprüche.

Vor allem aber sagt sie etwas über die Kunst des Loslassens. Denn die tiefere Botschaft der Geschichte lautet ja: es gibt Situationen, in denen  Loslassen das einzig Wahre ist. 

Loslassen zu lernen, das finde ich auch, ist wichtig. Wenn wir auch Tag für Tag das Gegenteil davon erleben. Das geht schon im Sandkasten los. Das „Habenwollen“, was der oder die Andere hat. Den Eimer, die Schaufel. Später dann das stärkere Auto, das höhere Ansehen.

Dabei gewinne ich Freiheit erst, wenn ich loslassen kann. Zuweilen besteht ein weises Verhalten einfach darin, die Hände zu öffnen.  

Die Bibel nennt diese Haltung Weisheit. Die Geschichte von Salomos Urteil zeigt mir eine Haltung, die nicht die eigenen Ansprüche in den Vordergrund stellt.

Sondern, die fragt: was dient dem Leben? Dem Leben meines Kindes, dem Zusammenleben in der Gemeinschaft, dem zukünftigen Leben auf unserem Planeten.
Nicht zu vergessen: was gewinne ich selbst, wenn ich loslasse?

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