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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

25JAN2023
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Der Unternehmer Jean-Remy von Matt ist Gründer und war jahrelang auch Chef einer renommierten Hamburger Werbeagentur. Heute ist er im Ruhestand. Vor mehr als zwanzig Jahren hat sich Jean-Remy von Matt eine ganz besondere Uhr gebaut. Sie steht noch heute in seiner Wohnung. Eine Lebenszeituhr. Sie läuft rückwärts. Sekunde um Sekunde zeigt sie ihm seitdem in leuchtenden Ziffern die Zeit an, die ihm noch bleibt. Besucher, so hat er erzählt, reagierten unterschiedlich darauf. Manche seien regelrecht schockiert, andere dagegen fasziniert. Nur gleichgültig lässt sie keinen. Natürlich weiß auch von Matt nicht, wann sein Leben tatsächlich vorbei sein wird. Seine Uhr ist deshalb programmiert auf die durchschnittliche statistische Lebenserwartung eines Mannes in seinem Alter. Bei ihm wären das aktuell 84 Jahre. Mit der Uhr, sagt er, gehe es ihm aber auch nicht um eine mathematisch genaue Vorhersage. Es gehe um Philosophie.

Genau darum hat mich seine Idee fasziniert. Sie erinnert mich ein wenig an den sogenannten Totentanz. Das sind bildliche Darstellungen, die man in manchen Kirchen finden kann. Sie sollten die Menschen, die daran vorbeikommen, immer mahnen, dass ihr Leben begrenzt ist. Verplempert es nicht. Macht das Beste daraus, so lautet die Botschaft. Darum geht es im Letzten auch Jean-Remy von Matt. Sich durch die unbarmherzig heruntergezählten Sekunden auf seiner Uhr daran erinnern zu lassen, dass auch seine Zeit abläuft. Dass nichts wiederkommen wird. Sich nichts wiederholen lässt. Was weg ist, ist weg. Für ihn heißt das konkret, seine verbleibende Zeit auf Erden möglichst nicht mit Sinnlosem zu verplempern. Sich gegebenenfalls auch von etwas zu trennen, das das Leben ruiniert. Einem Job zum Beispiel, der mich ausbrennt und krank macht. Umgekehrt kann es aber auch Anreiz sein, auf mich achtzugeben, um – mit etwas Glück – die Null auf meiner Uhr vielleicht noch zu überleben. Für diesen Fall hat von Matt eine kleine Überraschung eingebaut. Ist die Uhr nämlich abgelaufen, zählt sie wieder nach oben. Und alle zehn Sekunden erscheint dann die Frage: „Still alive?“, „Lebst du noch?“ Und danach der Satz: „It´s a gift“. Es ist ein Geschenk.

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