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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

23JAN2023
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Vergebung sei unmöglich, so hört man mitunter von Menschen aus der Ukraine. Das klingt irgendwie nachvollziehbar, angesichts der grauenhaften Verbrechen, die russische Soldaten dort verübt haben und immer noch verüben. Die furchtbaren Bilder und Nachrichten von dort zerreißen auch mir regelmäßig das Herz. Sicher, da gibt es die Aufforderung Jesu in der Bibel, dem Feind zu vergeben. Sogar siebzig mal sieben Mal sollen seine Anhängerinnen und Anhänger das tun. Mit anderen Worten heißt das: immer wieder, einfach grenzenlos. Als unbedingte Pflicht aber lese ich das dennoch nicht. Denn keine Macht der Welt kann mich letztlich dazu zwingen, meinem Peiniger zu vergeben. Und falls es mir doch irgendwann möglich sein sollte, braucht der Weg dahin oft unendlich viel Zeit. Vergebung muss wachsen. Am Wichtigsten aber: Vergebung kann nur dann an ihr Ziel kommen, wenn der Andere auch bereit ist, seine Taten zu bereuen. Davon aber ist auf russischer Seite bisher wenig zu sehen.

Dass es dennoch möglich ist, davon erzählt die Geschichte zwischen Deutschland und Frankreich. Auch wenn es gerade ein bisschen knirschen mag zwischen Berlin und Paris, die heutige deutsch-französische Freundschaft ist für mich ein kleines Wunder. Einer ihrer Eckpfeiler war der sogenannte Elysee-Vertrag. Gestern, am 22. Januar vor genau sechzig Jahren ist er geschlossen worden. Darin vereinbaren die selbsternannten Erzfeinde von früher eine enge Zusammenarbeit für eine bessere, gemeinsame Zukunft. Möglich geworden war das aber, weil Französinnen und Franzosen bereit waren, uns Deutschen die Schandtaten zu vergeben, die deutsche Truppen in Frankreich angerichtet haben. Aber auch, weil Deutsche bereit waren, ihre Schuld einzugestehen und um Vergebung zu bitten.

Davon scheint Russland gerade meilenweit entfernt. Doch die winzige Hoffnung will ich trotzdem nicht aufgeben. Irgendwann wird dieser Irrsinn zu Ende sein. Und vielleicht ist es für die Menschen in der Ukraine ja eines fernen Tages sogar wieder möglich, vergeben zu können. Auch das wäre wohl ein kleines Wunder.

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