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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

29NOV2022
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Ich habe eine Entscheidung getroffen. Nur für mich und wohlüberlegt. Ich ignoriere die WM. Nur dieses eine Mal hoffentlich. Denn obwohl ich kein großer Fußballfan bin: Die WM habe ich immer geschaut und mitgefiebert mit unserer Mannschaft. Diesmal kann ich das nicht. Dazu verbinde ich mit den Namen Katar zu viel, was ich aus tiefstem Herzen ablehne. Auch weil ich Christ bin und an einen Gott glaube, der die Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat. Alle Menschen. Was dann aber auch bedeutet, etwas dagegen zu tun, wenn Menschen ungerecht behandelt werden, eingeteilt werden in mehr oder weniger wert, krank oder gesund wegen etwas, für das sie nichts können.

In Katar sind Frauen unübersehbar diskriminiert. Auf die Frage, weshalb die Frauen in ihrem Land verschleiert sein müssen, hat ein hochrangiger Vertreter der Regierung geantwortet: Weil wir eine gute Süßigkeit ja auch nicht unverpackt herumliegen lassen. Ich will nicht, dass über Frauen so gesprochen wird.

Homosexualität wird in Katar als Krankheit angesehen. Um sie zu behandeln, werden sogenannte Konversionstherapien angewandt. Wer wegen seiner Homosexualität in der Öffentlichkeit auffällt, muss damit rechnen, ins Gefängnis zu kommen. Ich möchte nicht wissen, wieviel Leid das für die Betroffenen bedeutet; angefangen damit, dass sie sich ihre sexuelle Orientierung nicht ausgesucht haben, bis hin zu den dunklen Ängsten, entdeckt zu werden, die sie ständig mit sich herumtragen. Gerade als Teil einer Kirche, die dabei selbst Leid über viele Menschen gebracht hat und hoffentlich auf dem Weg ist, das zu ändern, kann ich nur sagen: Nein, damit will ich nichts zu tun haben.

In Katar leben 2 ½ Millionen Menschen. Aber nur ca. 300.000 sind Staatsbürger, haben verbriefte Rechte und Anteil an dem großen Reichtum des kleinen Landes. Ihnen fehlt es an nichts. Die anderen führen oft ein Leben in Armut und am Rand. Diese vom Staat legitimierte Zweiklassengesellschaft ist in meinen Augen ein klares Unrecht.

Keine Frage: Jetzt ist es zu spät. Die FIFA hätte die WM nie nach Katar geben dürfen, in ein Land, das den Mindestanforderungen an Gleichheit und Freiheit nicht entspricht. Das viele Geld dort hat zu dieser Entscheidung geführt. Ich will auch niemandem die Freude am Fußball verderben- weder den Spielern noch den Zuschauern. Aber ich kann diesmal nicht. Dazu ist mir die moralische Hypothek einfach zu groß.

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