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SWR4 Abendgedanken

23NOV2022
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Eine Frau sagt zu mir: „Ich bin transsexuell.“

Ich merke sofort, wie mich das verunsichert und ein Unbehagen in mir auslöst. „Ich bin transsexuell.“

Ich kenne niemanden, der mir so etwas jemals gesagt hat und ich merke, wie mir nach und nach viele Gedanken und Fragen durch den Kopf schießen. Was heißt das denn genau? Wie zeigt sich das? Oder wie fühlt sich das an?

Sie erzählt mir, dass sie vor wenigen Wochen mit der Hormontherapie angefangen hat und dass sie sich zum ersten Mal wohl in ihrem Körper fühlt. Sie erklärt mir, wie das mit der Hormonsalbe geht, die sie sich jeden Morgen auf den Arm reibt und was es für Alternativen gibt.

Was sie mir erzählt, ist für mich Neuland und ziemlich fremd. Und: Es wirkt auf mich auch ein wenig abschreckend. Vielleicht gerade, weil es so neu und fremd für mich ist. Gleichzeitig bin ich aber auch neugierig und finde das alles wahnsinnig interessant. Und ich bin ein bisschen stolz und gerührt. Denn ich kann mir denken, dass sie das alles nicht jedem einfach so anvertrauen würde.

Dieses Gespräch ist schon eine Weile her und in der Zwischenzeit hat sich etwas Entscheidendes verändert.

Wir sind Freunde geworden und seit langem ist „er“ keine „sie“ mehr.

Manchmal muss ich noch an dieses Gespräch denken und manchmal geht es mir immer noch so, wie damals. Vor allem, wenn wir telefonieren und er mir von seinen Operationen erzählt. Wenn er mir von all dem erzählt, was mir immer noch fremd ist und zu einem Teil wohl fremd bleiben wird. Aber inzwischen gibt es in mir auch ein anderes Gefühl. Ich habe großen Respekt!

Ich habe Respekt vor seinem Weg in den vergangenen Jahren, vor dem, was er sich nicht herausgesucht hat. Nämlich, dass er ein Mann ist. Und was es für ihn in den letzten Jahren bedeutet hat, immer mehr dieser Mann zu werden, der er vielleicht schon immer sein sollte. Und ich habe Respekt vor dem, was er sich erkämpfen musste, was für mich in meinem Leben und Mannsein so selbstverständlich ist.

Ich bin sehr dankbar für unsere Freundschaft. Und auch dankbar, dass ich diesen Weg ein Stück mitgehen darf. Vielleicht genau deshalb, weil mir vieles davon fremd ist. Denn gerade darin zeigt sich mir: Auch das, was ich selbst nicht nachempfinden und verstehen kann, kann für jemanden gut und richtig sein.

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