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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

22NOV2022
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Genauso habe ich mir das ideale Arbeitszimmer immer vorgestellt: Ein einziger Raum auf der Fläche eines ganzen Stockwerks. Der perfekter Rückzugsort im Untergeschoss des Hauses. An den Wänden Bücherregale vom Boden bis zur Decke, und das Tollste: mehrere Schreibtische im Raum verteilt, damit die Unterlagen für unterschiedliche Projekte einfach liegen bleiben können. Dazwischen kleine Sitzgruppen und Lesesessel mit Bücherstapeln auf Hockern. So ein Arbeitszimmer gibt es wirklich, und der Mann, der hier gearbeitet und an die 200 Bücher geschrieben hat, war alles andere als ein Schreibtischtäter: Jörg Zink, einer der bekanntesten Theologen des letzten Jahrhunderts. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Vielleicht haben einzelne von Ihnen seine Stimme noch im Ohr. Über hundert Mal hat er zwischen 1961 und 1980 als Fernsehbeauftragter der Württembergischen Landeskirche das Wort zum Sonntag gesprochen, auch zu politisch brisanten Themen. Sechs Jahrzehnte lang war er auf den Kirchentagen unterwegs. Hat den Freiraum geschätzt, den er dort gefunden hat. Und hat ihn konsequent als Experimentierfeld genutzt. Da galten keine Denkverbote. Alles durfte ausprobiert werden. Tausende sind zu seinen Bibelarbeiten gepilgert oder haben mit ihm das Abendmahl als eine Feier des Lebens für sich wiederentdeckt. Auch Menschen, die sonst wenig mit der Kirche verbunden hat, haben seine Bücher gelesen: Wie wir beten können. Womit wir leben können. 

Die meisten dieser Bücher sind in jenem legendären Arbeitszimmer in Stuttgart-Möhringen entstanden, in dem ich Jörg Zink einmal besucht habe. Er war damals schon in seinen 80ern, aber immer noch ein interessierter und inspirierender Gesprächspartner. Wenn ich heute an seinem Geburtstag an ihn denke, bin ich verblüfft, wie visionär vieles von dem gewesen ist, was er schon vor vielen Jahren in den Blick genommen hat: Die Bewahrung der Schöpfung zum Beispiel. Oder die aufrichtige Suche nach einem Christentum, das den Niedergang seiner Institutionen überleben könnte. Seine Liebe zu Christus als Wegweiser in jede nur denkbare Zukunft. Sein streitbares politisches Engagement. Und ich bin ihm dankbar für diese bleibenden Impulse.

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