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SWR4 Abendgedanken

14OKT2022
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Fast alle kennen ihn als den Autor, der Winnetou und Old Shatterhand erfunden hat. Karl May. Er hat aber weitaus mehr geschaffen. Einige seiner Werke sind von der katholischen Kirche verboten worden, weil er sehr offen damit umgegangen ist, dass die Menschen unterschiedlich glauben. Ihn hat die Vielfalt der Religionen interessiert. Er wollte den Islam und die Stammesreligionen der indigenen Völker kennen lernen, weil er vermutet hat, dass auch in ihnen etwas steckt, das die Menschen zu besseren Menschen macht.

Ich finde das umso interessanter, wenn ich Karl Mays Lebensgeschichte anschaue. Er ist 1842 geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Er hat in seinem Leben so viele verschiedene Lebenswelten gesehen und Menschen dabei erlebt, dass er vermutlich deshalb nach etwas Gemeinsamem bei den Menschen sucht, was sie stärken und weiterbringen kann. Das gilt in der kleinen Welt des Gefängnisses, wo er immer wieder wegen kleineren Betrügereien und Taschendiebstählen einsaß, aber auch in der großen Welt. Er hat die Welt bereist, so weit und so gut er nur konnte und dabei unterschiedliche Kulturen kennengelernt. Und offensichtlich hat er sie auch schätzen gelernt, denn er gibt allen seinen Romanfiguren liebenswürdige und sympathische Züge, egal ob es der reisende englische Lord ist, der Muslim Hadschi Halef Omar oder die Häuptlinge der Apachen, Irokesen und der anderen Völker seiner Romane. 

Dass Winnetou am Ende zwar an seinen Gott Manitou glaubt, aber im Sterben die Glocken der christlichen Kirchen hört und sich von ihnen trösten lässt, ist für Karl May vermutlich ein Zeichen seiner eigenen Offenheit für anderen Kulturen und Religionen. Das hat den Vertretern der Kirche nicht gefallen. Sie haben es als Vermischung der Religionen kritisiert.

Trotzdem beeindruckt es mich, wie Old Shatterhand, der Christ, mit dem vermeintlich heidnischen Apachenhäuptling Winnetou befreundet ist. Und dass ein praktizierender Muslim an der Seite des Christen Old Shaterhand für das Gute kämpft: Hadschi Halef Omar. Die drei diskutieren zwar nie über Religion, aber sie fragen beim anderen nach, was er glaubt. Sie respektieren ihren Glauben, sind neugierig, was der andere glaubt, und unterstützen ihn darin, dass er seinen Glauben leben kann. So offen, respektvoll und zugewandt, wie ich es mir auch immer wieder wünsche. Mit diesem Interesse am anderen Glauben und mit diesem Respekt möchte ich als Christ heute noch in meiner Stadt Muslimen begegnen und denen, die gar nicht glauben. Ohne dass ich dabei etwas von meinem Glauben aufgeben muss. Aber wenn religiöse Menschen so offen, interessiert und respektvoll miteinander umgehen, ist das ein großer Schritt, dass Friede wird.

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