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SWR4 Abendgedanken

13OKT2022
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Ein Freund hat mir folgende Geschichte erzählt: Zwei Zugewanderte sitzen in ihrer neuen Heimat in einer Bar. Sie diskutieren bis spät in die Nacht. Dabei bleiben sie an der Frage hängen, ob das, was man in der neuen Heimat am Himmel sieht, die Sonne oder der Mond ist. Sie finden keine Lösung, obwohl sie bis in den Morgen hinein diskutieren. Als sie am nächsten Morgen aus der Bar kommen, treffen sie einen Passanten. Und sie fragen ihn, ob das Gestirn am Himmel die Sonne oder der Mond ist. Er gibt die Antwort: Ich weiß es nicht. Ich bin nicht von hier.

Die Antwort auf die Frage der beiden Fremden bleibt offen. Auf den ersten Blick, weil sie keinen Einheimischen finden, der ihre Frage beantworten kann. Auf den zweiten Blick wird aber deutlich, dass auch Einheimische nicht immer alles wissen. Die Einheimischen würden sich zwar sicher besser auskennen. Aber ob sie das, was man am Himmel sieht, als Sonne oder Mond bezeichnen, haben sie irgendwann einmal so festgelegt.

 

Die Lehre dieser kleinen Erzählung besteht darin, dass keiner ein Monopol darauf hat, allein die Wahrheit zu kennen. Und wenn keiner ein Monopol auf die Wahrheit hat, kann ich mich ihr nur annähern, wenn ich möglichst viele Ansichten und Perspektiven kenne. Die beiden Männer sind also schon auf dem richtigen Weg, wenn sie andere in die Diskussion holen. Aber die Erzählung zeigt auch: Die Diskussion ist damit eben nicht fertig.

 

Ich würde mir sehr wünschen, dass wir bei unseren politischen Diskussionen heute auch diesem Weg folgen und möglichst viele Meinungen hören. Ohne dass einer der Gesprächspartner dabei alles wissen muss, sondern so viele Fragen stellen darf, wie er will. Und dass wir nach den ersten Antworten noch weiter suchen! Es geht nicht ums Rechthaben und darum, dass einer alles weiß.

Aber gerade wenn keiner von uns alles jetzt schon weiß, was wir später für richtig halten, können wir unsere Fragen doch gemeinsam in den Raum stellen und hören, welche Antworten die anderen haben. Nicht als Diskussionsgegner, sondern als Menschen, die nach der Wahrheit suchen. Gemeinsam.  Denn: In Bezug auf die Wahrheit sind wir am Ende alle „nicht von hier“.

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