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SWR4 Abendgedanken

10OKT2022
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Für Menschen jüdischen Glaubens fängt heute das Laubhüttenfest „Sukkot“ an. Das Fest dauert sieben Tage. Es heißt so, weil jede Familie im Garten oder auf dem Balkon eine Art Laube aus Zweigen baut. Dort essen sie während des Festes, laden Angehörige und Freunde ein, feiern und danken Gott dafür, dass sie einst nach ihrer Flucht aus Ägypten eine Heimat gefunden haben. In Ägypten wurden sie versklavt und ausgebeutet. Mit Mose an der Spitze ist ihnen die Flucht durch die Wüste gelungen. Die Laubhütten erinnern daran, wie sie auf der Flucht im Freien kampieren mussten. Das Laubhüttenfest ist also so etwas wie ein „Fest nach der Krise“. Gläubige Juden bleiben ausdrücklich nicht am Traurigen hängen. Sie feiern, dass sie zusammengehalten haben und danken Gott für ihre Rettung. Wir erleben momentan mehrere Krisen: Corona, den Krieg in der Ukraine und den Klimawandel. Ob wir später auch ein Fest feiern können, weil alles gut ausgegangen ist und wir zusammengehalten haben?

Wenn die Juden zu Sukkot gemeinsam in ihren Laubhütten sitzen, beten, essen und feiern, entsteht wieder so eine Gemeinschaft wie damals, als ihre Vorfahren vor über dreitausend Jahren nach der Flucht gerettet wurden. Sie holen so diese Gemeinschaft in die Gegenwart und legen damit schon die Basis dafür, dass sie wieder zusammenhalten werden, wenn neue Krisen kommen. Das gibt Zuversicht.

Ich glaube, wir könnten heute schon mit Freunden und Nachbarn genauso feiern: dass wir in der Covid-Zeit zusammengehalten und füreinander eingekauft haben, solange der andere in Quarantäne war. Vielleicht sind wir noch nicht in Stimmung für ein Fest: Wenn wir uns jetzt darauf besinnen, dass wir diese Krise gemeinsam gemeistert haben, gibt uns das hoffentlich Zuversicht. Wir sind mittendrin in kritischen Zeiten: Menschen fliehen aus dem Krieg zu uns aus beiden Kriegsländern, aus der Ukraine und aus Russland. Und wir müssen alles Machbare unternehmen, um unsere Erde im Klimawandel zu retten.

Und gerade, weil wir noch nicht wissen, wie es konkret werden wird, schon diesen Winter, wie die Wirtschaft sich entwickelt und wann endlich wieder Friede ist: Ich will mir das zueigen machen, was ich bei den Juden sehe, wenn sie das Laubhüttenfest Sukkot feiern. Vielleicht werden unsere Kinder und Kindeskinder eines Tages ein Fest feiern, wo man für die Nachbarn einkaufen geht oder in den Turnhallen ein Friedensfest feiert, die Flüchtlingsunterkünfte waren. Wenn wir diese Krisen irgendwann durchgestanden haben. Wir können sie durchstehen, wenn wir uns gegenseitig helfen und zusammenhalten.

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