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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

27SEP2022
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Als Kind hat mir meine Oma ein Buch geschenkt. Weil sie in der DDR gelebt hat, war dieses Buch etwas Besonderes in meinem westdeutschen Kinderzimmer der 80er Jahre. Und anders als vieles andere aus diesem Zimmer hat das Buch die Jahre seither überlebt. Und steht in meinem Bücherregal.

Es sind Gedichte der Poetin Eva Strittmatter. Illustriert von Albrecht von Bodecker mit teils ziemlich verrückten Aquarellbildern. Ich weiß noch, dass ich als Kind kaum die Hälfte der Texte verstanden habe. Aber schon als Kind habe ich mich hingezogen gefüllt zu diesen Texten. Zu dem Rhythmus der Worte. Und dem Geheimnis, das sie versprachen.

Ich frage mich, ob es nicht gut wäre, Kindern häufiger so etwas zu zutrauen. Texte und Themen, deren Sinn sich erst nach und nach erschließt. Für die es mehrere Verständnisebenen gibt. Die nicht alles gleich ausplaudern, was es zu sagen gibt. Als Kind verstehen sie dabei das, was Kinder verstehen können. Das ist oft erstaunlich viel. Und dann wachsen die Texte mit ihnen. Und je größer sie werden, desto mehr Bedeutungsebenen erschließen sich Ihnen. Der Apostel Paulus beschreibt in einem Brief etwas ähnliches. Er sagt: Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Ich glaube es ist eine wichtige Aufgabe, Kindern genau diese Erfahrung zu ermöglichen. Damit sie merken, wie sie innerlich wachsen. Aber es ist auch ein schönes Experiment, heute als Erwachsene noch einmal die Texte der Kindheit zu lesen. Und am eigenen Leib und Geist zu spüren, was Paulus da beschreibt. Wie man gewachsen ist – sich Perspektiven verändert haben. Manchmal vielleicht gar nicht nur zum Guten. Dann erinnert man sich vielleicht an das Kind, das man gewesen ist, und lässt sich von ihm korrigieren.

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