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SWR4 Abendgedanken

19SEP2022
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Wussten Sie, dass es in der jesidischen Religion verboten ist, Eissalat zu essen?
Bis vor ein paar Wochen wusste ich das nicht. Da haben wir bei uns an der Schule einen „Tag der Religionen“ veranstaltet. Da saßen orthodoxe, katholische und evangelische Christen und Christinnen im Stuhlkreis mit sunnitischen Muslimen, Nicht-Gläubigen Menschen, einer Schülerin, die sagt, sie ist eher „heidnisch“ geprägt, und zwei jesidischen Schülerinnen. Eine kunterbunte Runde.

Es ging um den Koran und die Bibel. Es ging um Bräuche und Feste und vieles mehr. Das war spannend. An manchen Stellen wurde es aber auch angespannt: Wenn politische Themen dazu kamen, zum Beispiel als wir uns damit auseinandergesetzt haben, dass die Jesiden zwar vom „Islamischen Staat“ verfolgt und ermordet wurden, dass aber ganz sicher die Muslime in unserer Gruppe das auch ganz furchtbar und total „unislamisch“ finden. Islam und Islamismus sind halt nicht das Gleiche. Da konnte man fast ein Knistern spüren.

Und doch haben sich dann alle fröhlich und ausgelassen zusammen an den Tisch gesetzt. Jede und jeder hatte Essen aus seiner Tradition mitgebracht: Kartoffel-Reis-Bällchen mit Hühnchenfleisch gefüllt, Börek mit Käse, Wassermelone mit Feta, Nudelsalat, Dattelkekse. So gut habe ich selten gegessen!

Und am Ende hat eine Schülerin gesagt: „Das war jetzt toll. Wir haben gelernt, miteinander zu reden.“ Für mich, war das das größte Lob. Miteinander reden können. Ohne sich gegenseitig zu verletzen. Und zu verstehen, wirklich zu verstehen, warum der einen etwas Wichtig ist. Und warum ein anderer etwas ablehnt. Es wurde klar: Ich muss mit Dir gar nicht in allem einig sein. Ich darf das auch seltsam, oder sogar falsch finden. Aber ich kann jetzt verstehen, warum es für Dich wichtig ist.

Auch ich habe viel gelernt an dem Tag. Dass Jesidinnen z.B. keinen Eissalat essen, weil früher einmal viele Jesidinnen und Jesiden auf einem Feld, auf dem Salat wuchs, ermordet wurden. Seitdem mag niemand aus diesem Volk diese Salatsorte mehr in den Mund nehmen. Und plötzlich ist eine seltsam anmutende Tradition nachvollziehbar geworden. Ich kann sie wertschätzen. Auch wenn ich sie selbst nicht befolge.

Es war ein schöner Tag. Die Schülerinnen und Schüler und auch ich sind anders aus diesem Tag herausgekommen, als wir hineingegangen sind. Verstehen verändert.

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