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SWR2 Wort zum Tag

21SEP2022
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In meinem Garten sind gerade Walnüsse, Äpfel, Birnen und Quitten reif. Ohne dass ich irgendetwas dafür getan hätte. Ich finde das jedes Jahr wieder erstaunlich und freue mich über die Birne im Müsli oder über den Apfelkuchen. Dass das einfach alles so wächst – das ist schon ein ziemliches Wunder.

Für viele Bauern sah das mit der Ernte dieses Jahr anders aus. Der Mais ist vertrocknet, die Weizenernte war in manchen Regionen irre schlecht und die Winzer hatten in den letzten Jahren mit Pilzen und Schädlingen zu kämpfen, die es hier über eine lange Zeit gar nicht gab. „Erntedank? Fällt 2022 aus!“ hat die Süddeutsche Zeitung deswegen schon Mitte September getitelt.

Als ich in der Ausbildung zur Pfarrerin war – das ist noch keine zehn Jahre her – da hieß es immer mal, das Erntedankfest sei heute für die meisten Menschen ja kaum noch verständlich. Das hat mich schon damals nicht überzeugt. Ich komme aus einem Weingut und manche meiner tiefsten geistlichen Erfahrungen hängen mit der Ernte zusammen. Auf einem Anhänger voller schöner Trauben nach einem Tag Weinlese heimfahren – ich kann mir kaum eine tiefere Erfahrung von Dankbarkeit vorstellen.

Ich habe den Eindruck: Dieses Jahr ist besonders spürbar, welche Erfahrung hinter dem Erntedankfest liegen. Denn gute Ernten sind eben nicht selbstverständlich. Wir können uns bemühen, aber wir haben es nicht in der Hand. Auf einmal merken viele ganz deutlich, wie das ist, wenn die Ernte schlecht ist.

Deswegen finde ich: Erntedank sollte dieses Jahr nicht ausfallen: Ganz im Gegenteil. Ich glaube nämlich, dass der Dank für die Ernte viel mehr Menschen angeht als diejenigen, die ihn in Gottesdiensten stellvertretend für alle andern feiern. Statt also nur an einem Tag danke zu sagen, wie wäre es, wenn wir in diesem Jahr eine ganze Erntedankzeit ausrufen? Ich stelle mir vor, dass die nächsten zehn Tage lang, also bis zum Erntedankfest, einmal alle darauf achten, was andere für sie geerntet haben: All die Kartoffeln und Salatköpfe, die Zucchini und Tomaten, das Getreide, die Kaffeebohnen, den Tee und den Reis. Auch die Baumwolle, aus der unsere Kleider gemacht sind, und das Holz für unsere Möbel. Ich glaube, wir würden nochmal stärker wahrnehmen, wie sehr wir abhängen von dem, was wächst. Nicht nur im Garten hinterm Haus, wo ich mich über Äpfel und Birnen freue. Vermutlich würden wir tatsächlich ein bisschen dankbarer und damit auch behutsamer unseren Lebensgrundlagen gegenüber sein. Und das, das wäre doch ein guter Anfang.    

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