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SWR2 Wort zum Tag

20SEP2022
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„In der Kirche sind halt immer so komische Leute!“, sagt einer in der Wandergruppe, mit der ich Urlaub mache. Mit Kirche hat er nichts am Hut. „Ja“, sage ich, „stimmt. Lauter komische Leute in der Kirche, ich auch. Und weißt Du was? Genau darum geht’s.“

Denn wenn es einen Kritikpunkt Kirche gegenüber gibt, den ich wirklich gerne höre, dann diesen. Genau das hat Jesus nämlich vorgelebt – er ist zu den komischen Menschen hingegangen. Zu Fischern, die frustriert waren, weil sie nichts gefangen hatten. Zu Zachäus, dem klein gewachsenen Zöllner, den keiner leiden konnte, weil er die Leute abgezockt hat. Jesus hat sich mit Kranken zusammengesetzt und ist auch zu Frauen und Kindern hin. Auch die haben damals eigentlich nichts gezählt.

In der Bibel wird erzählt, dass die frühe Kirche es geschafft hat, das fortzusetzen. In den ersten Gemeinden, da saßen Sklaven neben reichen Frauen, da waren Frauen auch ohne ihre Männer angesehen, da haben Ausländer so viel gezählt wie Einheimische.

Macht war anders verteilt als in der übrigen Gesellschaft. Die Kirche hat denjenigen Partizipation ermöglicht, die sonst nichts zu melden hatten. Genau dadurch wurden die Gemeinden so attraktiv – lang bevor das Christentum durch den römischen Kaiser als Religion anerkannt wurde. Ohne diese Offenheit, hätte sich das frühe Christentum nie so schnell so weit verbreitet.

Damals haben die am Rand der Gesellschaft erlebt, dass sie Kirche mitgestalten konnten. Ich finde, wo Kirche genau das noch heute ermöglicht, da haben wir was richtig gemacht.

Ich denke z.B. an das Café Talk in Heidelberg. Da treffen sich zwei Mal in der Woche Geflüchtete und Deutsche miteinander, trinken Kaffee und erzählen. Da ist Raum Deutsch zu lernen und einander kennen zu lernen. Da erleben die, die sich oft ohnmächtig fühlen, dass sie Gemeinschaft mitgestalten können.

Aber ich denke auch an ganz normale Sonntagsgottesdienste. Da sitzen Menschen mit ihren Macken und Blessuren, seltsame Käuze und alte Damen mit komischen Ticks. Da sitzen Studierende und junge Familien, Menschen in der Krise und Eltern, die dankbar sind für ihr erstes Kind. Und alle gehören einfach dazu.

In all den Veränderungsprozessen, die gerade auf die Kirchen zukommen, da wünsche ich mir eins: Dass wir in der Kirche die Liebe zum Schiefen, Schrägen und im besten Sinne Eigenartigen behalten. Und ich wünsche mir von Herzen, dass dann, wenn ich in Rente bin, immer noch einer in meiner Wandergruppe sagt: „In der Kirche, da sind halt immer so komische Leute“.

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