Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

22SEP2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Wenn es menschelt.“ – Das antworte ich gern, wenn mich jemand fragt, was mein Leben reicher macht. „Wenn es menschelt!“ Manchmal schaue ich dann in fragende Gesichter und dann erkläre ich, dass das Wort zwar ungewöhnlich klingt, fast schon wie ein Kunstwort, es aber am Besten beschreibt, was ich ausdrücken möchte.

Beim Menscheln, geht’s für mich um etwas sehr Positives, das zwischen Menschen entsteht. Es ist eine Mischung aus dem, was Menschen sind und was sie füreinander oder miteinander tun. Nichts anderes als das pure Menschsein spielt dabei eine Rolle.

Etwa sowie das, was ich auf einer Reise durch Rumänien erlebt habe. Ich bin dort alleine rumgereist und habe öfters mal Probleme gehabt, mich zu verständigen. Ich spreche kein Rumänisch und Englisch sprechen dort scheinbar nicht sehr viele Menschen, weshalb es manchmal einfach schwierig gewesen ist sich zu verständigen.

Aber immer dann, wenn’s sprachlich nicht weiterging, habe ich viele schöne Momente erlebt. So z.B. diesen: Ich sitze im Zug neben einer älteren Dame. Sie am Gang, ich am Fenster. Da die Sonne kräftig scheint, will ich den Vorhang zuziehen, vorher aber nochmal die Dame höflich fragen, ob es auch für sie in Ordnung ist. Für sie wohl das Stichwort munter auf Rumänisch los zu plappern. Ich hab nichts verstanden. Mit Händen und Füßen haben wir aber dann irgendwie ein Schein-Gespräch geführt und uns dabei immer wieder zugelächelt. Eine absurde Situation, aber irgendwie auch nett.

Und dann packt sie einen Apfel aus, halbiert ihn und reicht mir eine Hälfte. Einfach so.

Ich habe zwar ihre Worte nicht verstanden, dafür ist ihre Einladung zum Apfelessen einfach unmissverständlich. Das ist für mich ein Moment des Menschelns. Es ist völlig egal, welche Sprache ich spreche, woher ich komme und wohin ich will. Wir sind einfach zwei Menschen, die nebeneinandersitzen und etwas Zeit miteinander verbringen. Und auch wenn wir uns nicht mit Worten verstehen können, haben wir ein Gespür füreinander und sind uns symphytisch. So sehr, dass da sogar etwas Fürsorge bei der Frau entsteht.

Und darum geht’s für mich auch. Menscheln heißt für mich, dass es bei einer Begegnung in erster Linie darum geht, dass ich den Menschen sehe, so wie ich auch einer bin. Und dass ich dann einfach für jemand anderen mitdenke und ihm etwas Gutes tue, dass ich mir jetzt auch tun würde. Dabei ist es völlig egal, wer wir sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36172