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SWR1 Begegnungen

11SEP2022
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Awakem Isleiwa Foto: privat

Martin Wolf trifft Awakem Isleiwa

Verheiratet ist er, Vater zweier Töchter, und katholischer Priester. Chaldäisch-katholischer Priester, um genau zu sein. Seit Anfang August ist er Pfarrer der chaldäisch-katholischen Christen in Mainz und Umgebung. Wir treffen uns in der Sakristei der Herz-Jesu-Kirche in Mainz-Mombach. Hier feiert die Gemeinde jeden Sonntag ihren Gottesdienst.

Die Chaldäer sind, ich sag mal, so zu 99 Prozent Flüchtlinge.  Überwiegend sind die Chaldäer in unserer Gemeinde Iraker. Aber ich werde bestimmt Familien treffen, die aus Syrien und aus der Türkei kommen.

Chaldäer. Den seltsam anmutenden Namen kenne ich aus der Bibel, dem Alten Testament. Dort ist von der Stadt Ur in Chaldäa die Rede, dem antiken Mesopotamien.

Es ist fraglich in der Geschichte, ob jetzt das Volk, das der chaldäisch-katholischen Kirche angehört, mit dem damaligen chaldäischen Volk, das in Ur gelebt hat, zu tun hat.

Und so bezeichnet das Wort Chaldäer heute v.a. die Christinnen und Christen, die in der Region des Nordirak, im nördlichen Syrien und im Süden der Türkei leben. Sie gehören der sogenannten Ostkirche an. Ein Teil hat sich im 16. Jahrhundert aber abgespalten und der katholischen Kirche zugewandt. Ihr Oberhaupt ist seitdem der Papst in Rom.

In der Ostkirche war immer so, dass die Priester vor der Diakonenweihe heiraten dürfen. Wir haben unsern eigenen Ritus behalten. Wir haben die eigene Sprache behalten für die Liturgie. Das ist die aramäische Sprache.

Beten zu können in der Sprache, die Jesus selbst gesprochen hat, in Aramäisch. Für mich klingt das faszinierend.

Also ich mag das, und und ich bin stolz darauf, wie viele Chaldäer, die die Sprache können. Und andererseits ist für uns auch sehr, sehr wichtig, so das Thema Sprache. Wir kämpfen, dass die Sprache nicht ausstirbt. Viele sprechen die Sprache nicht, und die Sprache ist schön.

Und weil seine Gemeindemitglieder viele verschiedene Dialekte sprechen, das Hocharamäische im Gottesdienst aber oft nicht gut verstehen, finden die Gottesdienste meistens zweisprachig statt. In Aramäisch und Arabisch.

Und ich plane jetzt auch auf Deutsch zu predigen, also die Zusammenfassung wenigstens, mit den Kindern.

Denn die sind zum größten Teil schon hier geboren worden, als Kinder von Flüchtlingen eben.

Ich habe damals im Hinterkopf gehabt, dass ich hier studiere und dass ich die Schule hier weitermache, weil ich selber gesehen habe, dass im Irak die Schule nicht mehr wird. Und dass die Situation schlimmer wird. Und das ist auch passiert. Nach 2003 ist die Situation im Land sehr, sehr schwierig geworden.

Dem Jahr des Irakkriegs, der das Land endgültig ins Chaos stürzte. Awakem Isleiwa war da bereits in Deutschland, wo er, wie ich finde, eine bemerkenswerte Integrationsgeschichte geschafft hat.

Ja. Als ich in Deutschland war, habe ich dann Sprachschock bekommen. Ich habe dann geschaut, dass ich ein Deutschkurs besuche. Und dann habe ich eine Empfehlung von der Lehrerin bekommen, eine Arbeit zu suchen und zu arbeiten, wo ich dann Kontakt zu Menschen habe. Und ich habe mich damals bei Rewe beworben, habe dann angefangen, erstmal im Verkaufsraum und dann an der Kasse zu arbeiten. Und so bekam ich die Chance, mit Menschen zu kommunizieren. Und irgendwann habe ich die Chance, bei Rewe eine Ausbildung zu machen: Einzelhandelskaufmann. Also ich habe die Chance genutzt.

Seine geistliche Berufung, sagt er, habe er schon deutlich früher gespürt. Aber erst hier hat er sie auch verwirklicht.

Ich habe die Ausbildung zum ständigen Diakon, bei der Erzdiözese München und Freising gemacht. Dann habe ich Theologie im Fernkurs studiert und 2008 habe ich dann offiziell bei der Gemeinde in der chaldäischen Mission in München zu arbeiten, tätig zu sein. Dann kam die Diakonenweihe 2014. Und 2016 war dann die Priesterweihe im Irak.

Doch immer mehr der derzeit noch rund 500.000 Christen im Irak verlassen das Land.

Es ist Chaos, keine Infrastruktur, kein Wasser, kein Strom, keine Schulen. Die Schüler hocken sich auf den Boden, also es gibt keine Stühle für sie und also keine Krankenhäuser. Es gibt schon, aber das Gesundheitssystem funktioniert nicht.

Es gibt viele Gesetze, die uns schikanieren. Beispiel: wenn ein Christ, also der Vater, wenn er zum Islam konvertiert, dann sind die Kinder automatisch Muslim. Also die werden bei der Verwaltung gleich als Muslim eingetragen. Religionsfreiheit ist nur Theorie. In der Praxis ist anders.

Und darum wird seine Gemeinde in Mainz wohl auch in Zukunft weiter wachsen. Am Ende möchte ich wissen, ob es denn ein Miteinander gibt mit den römisch-katholischen Christen der Stadt.

Ich bin ein Priester, der das machen will, und ich versuche, die Zusammenarbeit zu stärken. Die Kirche ist vielfältig und bunt, das ist auch gut so. Und das wollen wir auch verwirklichen. Wir wollen nicht Einzelgänger sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36165