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SWR3 Gedanken

14SEP2022
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Das macht „man“ nicht! Ein echter Klassiker. Ich kenne den Satz noch aus meiner Kindheit. Er fiel immer, wenn wir Kinder wieder irgendwas angestellt hatten, das meiner Mutter nicht passte. Und jetzt ist er mir wieder eingefallen, als das Privatleben der finnischen Regierungschefin Sanna Marin im Netz für Wirbel gesorgt hat. Da landet ein privates Video, auf dem sie in ihrer Freizeit ausgelassen tanzt, ohne ihr Wissen im Netz. Und eine tanzende junge Frau wird plötzlich zur Frage der nationalen Sicherheit. Weil „man“ das als Regierungschefin ja so nicht macht. Ganz schön schräg, fand ich. Denn mir fallen da sofort ein paar Dinge ein, die „man“ wirklich nicht macht. Die ein absolutes No-Go sind. Seinen Nachbarn brutal überfallen zum Beispiel. Hemmungslos Lügen und Betrügen. Sich an Kindern vergreifen. Geht alles gar nicht. Aber Tanzen? Spaß haben? Das Leben feiern?

Der ganze aufgeblasene Hype um ein Partyvideo scheint mir eher ein Beispiel für etwas, das wir in der Kirche leider ziemlich gut kennen: Bigotterie. Aus einer eingebildeten moralischen Überlegenheit heraus mit dem Finger auf andere zu zeigen. Weil die irgendwas tun, was „man“ nicht macht. Jesus konnte sich furchtbar über solche Besserwisser aufregen. Und er hatte dazu auch ein passendes Wort parat: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Das gilt für Politikerinnen und Politiker, die an ihrer Arbeit gemessen werden sollten. Nicht an ihrem Privatleben. Aber auch für all jene, die sich für moralisch überlegen halten und wieder mal meinen, mit dem Finger auf andere zeigen zu müssen.

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