Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

06SEP2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Immer in den Sommerferien räume ich unsere Pinnwand in der Küche ab. Alle Terminlisten und Zettel, die sich da im Lauf eines Schuljahres sammeln, kommen dann runter. Was sich da alles angesammelt hat. Wie anstrengend es manchmal gewesen ist. Jetzt, wo die Zettel im Papierkorb landen, scheint das alles weit weg.

Aber es geht bald wieder los – auch in Baden-Württemberg. Und wie jedes Jahr nehme ich mir vor, dass die Pinnwand nicht wieder so voll wird. Aber das klappt irgendwie nicht so richtig. Ruckzuck füllt sie sich und es fängt wieder von vorne an. Dann ist der Urlaub schnell vergessen und der Alltag hat mich wieder voll erwischt. Schade eigentlich.

In der Bibel wird davon gesprochen, dass alles seine Zeit hat. Lachen und Weinen. Streiten und versöhnen. Abreißen und Neubauen.

Auch Arbeiten und Urlaub. Beides hat seine Zeit. Und beides braucht Zeit! Schön wäre es deshalb, wenn ich manchmal das Gefühl von Urlaub auch in der Arbeitszeit haben könnte. Das Gefühl, mich entspannt über kleine und große Dinge zu freuen. Beim Frühstück zum Beispiel. Ich frühstücke im Urlaub und in der Arbeitszeit. Aber in den Ferien fällt es mir viel leichter, mich an einem leckeren Frühstücksei zu freuen, oder am schönen Wetter und, dass ich meine Nase in den Wind halten kann.

Das ist im Arbeitsalltag eigentlich nicht anders. Da verstellen mir halt nur ganz viele Sachen die Sicht. Was ich noch alles machen muss. Welches Kind, wann, wohin muss? Dass ich den Kieferorthopädentermin nicht vergesse. Und an was ich von der Pinnwand jetzt noch denken muss. Da würde es mir gut tun zwischendurch zu entspannen, mich an den kleinen Sachen zu freuen und die Nase in den Wind zu halten.

Deshalb habe ich an meine Pinnwand jetzt einen Zettel gehängt, auf dem steht: „Heute schon Urlaub gemacht?“.

Die hängt bei uns in der Küche und ich laufe jeden Tag ein paar Mal dran vorbei. Und ich merke, dass ich jedes Mal diesen Zettel lese und ich dabei an was Schönes denken muss. Das können ganz kleine Sachen sein. Dass mich an der Kreuzung heute hat jemand reinfahren lassen. Oder, dass ich heute Morgen nicht die Bohnen an der Kaffeemaschine auffüllen musste. Das kann ganz viel sein.

Mir hilft das, dass mich mein Alltag nicht so ganz gefangen nimmt. Dass ich es immer wieder schaffe ein Stückchen Urlaub in meinen Alltag zu retten. Und mich wie im Urlaub zu fühlen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36048