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SWR2 Wort zum Tag

10AUG2022
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Meine Großeltern mütterlicherseits waren Bauern. Der Sommer war für sie keine Ferien-, sondern eine Arbeitszeit, in der sie von früh bis spät gefordert waren. Eigentlich kein Wunder, dass die Kinder der Familie meistens nicht vor Mai auf die Welt gekommen sind. Erst wenn die Felder abgeerntet und nur noch die späten Pflaumen und die Äpfel aufs Pflücken gewartet haben, blieb auch wieder Zeit für Muße und Liebe.

Meine Großeltern haben allerdings bei aller Mühe im Stall und auf dem Feld für kleine Auszeiten im Tageslauf gesorgt. Ich kann mich gut daran erinnern, denn als Kind habe ich immer wieder Teile meiner Ferien auf ihrem Bauernhof verbracht und dabei natürlich auch selbst mit angepackt. Abends saßen alle zusammen und haben gemeinsam gesungen. Meine Großeltern kannten die schönen alten Volkslieder auswendig, und ich habe sie im Hören und Mitsingen gelernt. Klar, wir haben auch mal vor dem Fernseher gesessen und Wim Thoelke und Rudi Carell geschaut. Aber das gemeinsame Singen blieb ein fester Bestandteil des Feierabends.

Ich glaube, meine Großeltern wussten sehr genau, dass es auch im stressigsten Arbeitstag wenigsten kleine Oasen geben muss. Moderne Resilienzforscher würden ihnen da sicherlich zustimmen. Die Lieder am Abendbrottisch haben nämlich auch dazu beigetragen, dass sich die Menschen auf dem Hof ihre Arbeitskraft und auch ihre Lebensfreude gut bewahren konnten. Sie haben ein Gemeinschaftsgefühl gestiftet, außerdem konnten dabei die unterschiedlichsten Stimmen gemeinsam erklingen.

Mir scheint, diese kleinen klangvollen Auszeiten sind insgesamt ein Segen für die Arbeit auf dem Hof gewesen. Und sie haben nicht nur für gute Stimmung gesorgt, sondern konnten darüber hinaus den ganzen Leib ins Schwingen und Klingen bringen.

Im letzten Monat war ich für ein paar Tage in Paris. Beim abendlichen Spaziergang durch die sommerlich warme Stadt sind wir auf ein paar Leute getroffen, die auf einem kleinen Platz einen Tanzparcours abgesteckt hatten. Aus einem Lautsprecher klang Tangomusik, und etwa ein Dutzend Paare haben miteinander getanzt. Wir haben uns zu den Leuten gesellt, ab und zu hat sich ein Paar aus der Menge gelöst und mitgetanzt. Alt und Jung sind unterwegs gewesen, Kinder haben zugeschaut, wie sich ihre Eltern im Rhythmus der Musik bewegt haben. Wir hatten das Gefühl, dass sich die Menschen regelmäßig zu diesem abendlichen Tanzvergnügen zusammenfinden. Ein Genuss zum Feierabend. Was für eine wundervolle Idee! Ich habe mich an die Abende auf dem Bauernhof erinnert.

Was auch immer einen Arbeitstag unterbricht und ausklingen lässt, am besten gemeinsam, sehr gerne musikalisch: es ist ein Segen.

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