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SWR4 Abendgedanken

15AUG2022
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Seit heute hängt wieder ein Kräuterstrauß in meiner Küche. Kopfüber an der Decke. Damit er trocknet und lange hält. Dass dieser Strauß da hängt, hat mit dem heutigen Tag zu tun, mit Mariä Himmelfahrt: Jedes Jahr am 15. August gibt es in der katholischen Kirche den Brauch der Kräuterweihe. Unterschiedliche Kräuter werden zu Sträußen gebunden und dann im Gottesdienst gesegnet. Diese Kräuterweihe geht auf eine Legende zurück: Als die Jünger von Jesus das Grab seiner Mutter Maria geöffnet hatten, haben sie dort, anstatt ihres Leichnams, Blüten und Kräuter gefunden.

Der Kräuterbüschel in meiner Küche besteht aus sieben Kräutern. So viele müssen es mindestens sein. Sie stehen symbolisch für die sieben Schöpfungstage. Salbei ist mit dabei, eine Rose und eine Getreideähre. Der katholische Frauenbund hat die Kräutersträuße gebunden. Das ist Tradition hier am Ort. Die Frauen stehen am Abend vor Mariä Himmelfahrt vor der Kirche, mit einem großen Waschkorb voll wunderbar duftender und bunter Sträuße. Sie haben damit meine Vorstellung vom Frauenbund bestätigt: überwiegend ältere Frauen, die fromme Bräuche und Traditionen pflegen und Maria verehren. Für mich war das vor vielen Jahren die erste Begegnung mit dem Frauenbund.

Vor zwei Jahren bin ich Mitglied in diesem Verband geworden. Weil ich von den Frauen so viel gelernt habe und von ihrem Engagement begeistert bin. Ich habe erfahren, dass Frauen eine große Tradition in der Urkirche haben. Sie haben Jesus unterstützt und haben Führungsrollen in den ersten Gemeinden übernommen. Es gab Frauen unter den Aposteln und die erste Christin in Europa ist eine Frau gewesen. In der Bibel ist von alldem aber nur wenig zu lesen.

Der Frauenbund setzt sich seit vielen Jahrzehnten dafür eine, dass Männer und Frauen gleichberechtigt Verantwortung in der Kirche und in der Gesellschaft übernehmen. Ich finde das richtig und wichtig. Denn alle sind mit derselben Würde ausgestattet. So hat Jesus das schon zu seiner Zeit gesehen: Er ist mit Frauen ganz normal umgegangen, er hat sie ernst genommen und ihnen oft bewusst einen besonderen Platz gegeben. Mir fällt da vor allem Maria Magdalena ein. Von ihr wird berichtet, dass sie ihm nach der Auferstehung als erste begegnet ist. Ich finde: das ist doch der beste Beweis und die beste Voraussetzung für eine geschlechtergerechte Kirche.

Mein Kräuterstrauß zu Mariä Himmelfahrt ist für mich daher längst kein frommes Symbol mehr. Dieser volkstümliche Brauch erinnert mich vielmehr daran, dass wir Frauen selbstbewusst sein können und selbstverständlich einen Platz in der Kirche haben. Dieser schöne und wohlriechende Büschel an meiner Decke, das ist für mich der Duft der starken Frauen - in der Urkirche und heute.

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