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SWR2 Wort zum Tag

09AUG2022
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Ich mag höfliche Menschen. Ich freue mich darüber, wenn mir die Tür aufgehalten wird und mir der Verkäufer an der Kasse einen guten Morgen wünscht. Ich käme mir komisch vor, wenn ich in der Straßenbahn nicht aufstehen würde, wenn eine alte Dame oder ein gebrechlicher Herr einsteigt, und ich schätze es, wenn mir pünktliche Menschen die Höflichkeit der Könige erweisen. Es ist mir auch wichtig gewesen, das an meinen Sohn weiterzugeben. Es geht mir dabei um mehr als um ein überkommenes Tanzstundenwissen oder darum, wie „man“ sich eben zu benehmen hat. Ich finde, dass Höflichkeit den Mitmenschen einen angemessenen Respekt erweist. Höflichkeit achtet die Würde der Menschen. Das hat durchaus etwas mit meiner Gottesbeziehung zu tun. Ich bin der Ansicht, dass mir in jedem Menschen ein Wesen begegnet, das Gott nach seinem Bild geschaffen hat - auch wenn ich manchmal nicht genau weiß, was Gott sich bei den ein oder anderen Exemplaren gedacht haben mag. Doch Menschenwürde ist unabhängig davon, ob ich einen Menschen mag oder nicht. Die Würde des Menschen ist unantastbar, nicht nur, weil das so in unserem Grundgesetz steht. Für Christen hat jeder Mensch als Ebenbild Gottes eine göttlich zugesprochene Würde. Und wer Würde hat, verdient Respekt und Höflichkeit.

Die genauen Regeln der Höflichkeit unterliegen dem Wandel der Zeit. Zu Luthers Zeiten hat es zum guten Ton gehört, nach dem Essen als Zeichen des Wohlbefindens zu rülpsen, heute kommt das weniger gut an. Auch Knicksen oder ein Diener sind aus der Mode gekommen, es sei denn, man ist bei Queen Elisabeth zum Tee geladen. Welche konkreten Vereinbarungen Menschen auch immer treffen mögen, um sich Respekt zu erweisen - entscheidend ist weniger die einzelne Verhaltensregel als die grundsätzliche Haltung, die sich darin zeigt. Wahre Höflichkeit ist deshalb unabhängig von der sozialen Stellung eines Menschen. Mag die Arbeitsleistung oder der Rang in der Gesellschaft sehr unterschiedlich sein - der Hilfsarbeiter hat die gleiche Würde wie der Bundespräsident, sie sind beide Geschöpfe eines Gottes. Wer dem einen Höflichkeit entgegenbringt und sie dem anderen verweigert, hat nicht begriffen, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Außerdem verpasst er oder sie die Resonanz, die Höflichkeit häufig mit sich bringt: Das freundliche und dankbare Lächeln eines Menschen! 

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