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SWR2 Wort zum Tag

08AUG2022
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Gerade sind Ferien in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Sonst höre ich immer die Stimmen der Kleinen vom nahen Schulhof, jetzt ist nichts los. Die Kinder haben frei. Ich frage mich allerdings, wie viele Schüler in diesen Ferien wirklich freie, unverplante Zeit genießen können. Einige Eltern, die es sich leisten können, schicken ihr Kind auf einen Sprachkurs, um die Englisch-Note zu verbessern, andere Kinder müssen büffeln, um im nächsten Schuljahr den Anschluss nicht zu verpassen. Und selbst wenn die Ferien nicht mit Lernstoff gefüllt sind: Hat irgendein Kind nach dem Stress in der Schulzeit überhaupt noch Lust, im Sommer freiwillig ein Buch in die Hand zu nehmen, einfach so, ohne dass damit eine Note verbessert oder ein Lernziel angestrebt würde?

Ein befreundeter Lehrer hat mir erklärt: heute ist die Oberstufe so anspruchsvoll, dass tatsächlich nach der Schule keine freie Energie bleibt für Lektüre, die nicht für den Stundenplan ausgewertet werden kann. Ganz offensichtlich: Die Schulzeit wird immer mehr von einer ökonomischen Logik geprägt. Das angestrebte Leistungsziel wird durch ununterbrochene Arbeit meiner Ansicht nach aber gerade verfehlt. Ein Blick in die Geschichte zeigt nämlich, dass viele weiterführende Ideen in kreativen Pausen entstanden sind.

Der Chemiker August Kekulé hat träumend den Benzolring entdeckt, der große Dichter Eduard Mörike ist immer wieder dem strengen Reglement im Stift Urach entflohen und hat in seinem geheimen Refugium die ersten Gedichte geschrieben. Gerade Unterbrechungen ermöglichen also Kreativität. Und große Entdeckungen sind dann möglich geworden, wenn Menschen ihre Gedanken einfach fließen lassen konnten.

Ich möchte daher meine Stimme für die unverplante, freie Mußezeit erheben. Wenn selbst Gott sich nach der Anstrengung des Schöpfungswerkes eine Auszeit gegönnt und am 7. Tag einfach gar nichts unternommen hat, dann sollte sich auch der Mensch solche Phasen zugestehen. Überhaupt: was soll aus jungen Menschen werden, die vor lauter Arbeit keine Energie mehr für Spiel und Spaß im Sommer haben? Einmal ganz abgesehen davon, dass uns Gott sicher nicht deshalb geschaffen hat, damit wir Dauerleistungen vollbringen.  Ich gönne allen Schülerinnen und Schülern solche Ferien, mit viel freier Zeit, ganz für sie und so, wie es ihnen gefällt. Und ich finde, das gilt auch für die Erwachsenen.

Ich glaube, alle Menschen brauchen die Unterbrechung ihres Alltags, sie brauchen Ferien, Urlaub, das süße Nichtstun. Wir brauchen Oasen, in denen wir nicht funktionieren und nicht arbeiten, sondern einfach nur da sein dürfen.

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