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SWR2 Wort zum Tag

16AUG2022
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Ein Freund hat mir gesagt: Andi, Du brauchst wieder eine Frau in deinem Leben. Also hat er mich überredet, mich auf einer Dating Plattform anzumelden. Auf so einer Plattform im Internet werden einem Kurzprofile von potentiellen Partnern oder Partnerinnen vorgestellt. Wenn ich auf dem Smartphone nach links wische, dann bekunde ich mein Desinteresse, wenn ich nach rechts wische, mein Interesse an einer Person. Wenn zwei Interesse aneinander signalisieren, kann man in Kontakt treten. Ich finde das an und für sich schon recht speziell. Aber mir ist noch etwas anderes aufgefallen. Denn häufig haben Frauen geschrieben, dass sie keine „Altlasten“ haben oder sich einen Mann wünschen, der seinerseits keine Altlasten hat. Ich nehme an, auch viele Männer schreiben das. Ich habe zunächst gar nicht verstanden, was damit gemeint ist. Ich habe erst gedacht, da geht es um finanzielle Schulden oder so etwas, bis mich jemand aufgeklärt hat. Zum einen geht es offenbar darum, dass man seine letzte Beziehung überwunden und verarbeitet hat. Zum anderen sind damit scheinbar auch Kinder aus früheren Partnerschaften gemeint. Und das fand ich doch ein bisschen schwierig: Kinder als Altlasten. Das ist geschmacklos. Mir scheint, mit „Altlasten“ ist hier eher etwas ganz Grundsätzliches gemeint. Alles, was in der Vergangenheit war, was man mit anderen Menschen, mit früheren Partnern erlebt hat, das alles soll eine alte Last gewesen sein. Etwas, das weg muss. Nur wenn man mit dem Alten abgeschlossen hat, gelingt etwas Neues.

Ich bezweifle, dass das so radikal möglich ist. Und ich glaube nicht, dass ich das will. Ich glaube nicht, dass ich das, was ich in meinem Leben durchgemacht habe, einfach löschen oder verdrängen kann. Ich kann lernen damit umzugehen, wenn es etwas Schlimmes war, aber es bleibt immer Bestandteil meines Wesens. Des Menschen, der ich eben im Laufe der Jahre geworden bin. Wenn mich ein Mensch wirklich interessiert, ich Liebe für ihn entwickle, dann kann ich - ja muss ich auch - seine Vergangenheit mit einbeziehen. Ich bin 42. Auch ich bin beschädigt und nicht auf alles stolz, was in meinem Leben so gewesen ist. Das ist einfach so. Bei jedem von uns. 

Nach drei Tagen habe ich mich wieder abgemeldet. Weil die Plattform einfach nichts für mich gewesen ist. Ohne sie zu verurteilen, ich weiß, darüber entstehen viele gute Bekanntschaften und Beziehungen. Ich habe mir dann aber ein Herz gefasst und die gute alte Methode angewendet und eine Frau angesprochen, die mich fasziniert hat. In dem Moment war es mir egal, ob sie irgendwelche „Altlasten“ mit sich herumträgt. Ich wollte sie kennenlernen. Diese Offenheit zu spüren, hat mir gut getan.

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