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SWR2 Wort zum Tag

15AUG2022
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Vor einigen Wochen habe ich auf einmal eine Verhärtung in meiner Brust ertastet. Ich habe das nicht sonderlich beachtet, aber Freunde haben mich gebeten zum Arzt zu gehen. Das habe ich dann auch gemacht. Weil in meiner Familie schon Brustkrebs vorgekommen ist, bekam ich schließlich eine Überweisung zum Gynäkologen. Das hört sich vermutlich etwas komisch an. Viele wissen das nicht, aber Männer können auch Brustkrebs bekommen.

Ich habe lange im Krankenhaus gearbeitet und bin vielen Menschen mit einer Krebsdiagnose und anderen schweren Krankheiten begegnet. Aber selbst bin ich in meinem Leben bisher nie schwer krank geworden. Gott sei Dank. Und da habe ich nun diese Überweisung gehabt, mit meinem Namen drauf - und darunter: Verdacht auf Mamma CA – also eben Brustkrebs. Und plötzlich war alles anders. Plötzlich war ich in dem „System Krankenhaus“ drin. Nur diesmal von der anderen Seite. Das ist aber nur das Eine, das Äußerliche, gewesen. In meinem Inneren bin ich auch in ein anderes System geraten. In das System der Angst. Denn der erste Gedanke, der gleich nach dem Gedanken an den Krebs gekommen ist, war der ans Sterben. Sofort. Da hat es keinen Zwischenschritt gegeben.

Ich habe mir schon oft überlegt, was ich alles will, wenn ich einmal krank werden sollte. Dabei hat mir die Zeit als Krankenpfleger sehr geholfen: Dass ich nicht alles mit mir machen lassen will. Dass ich mich nicht ans Leben krallen will, denn irgendwann ist es vorbei und das will ich akzeptieren.

Das alles hat auf einmal keine Bedeutung mehr gehabt. Mit dem Verdacht auf Krebs in der Hand. Ich war selbst überrascht, wie schnell das gegangen ist. Und dass ich bei diesem Thema bisher beinahe überheblich gewesen bin. Von außen lässt es sich leicht über Krankheit philosophieren. Wenn es um den eigenen Körper geht, dann wird alle Theorie grau und blass. Dann wird es praktisch. Ich bin bereit gewesen alles zu tun, um wieder gesund zu werden.

Ich habe Glück gehabt. Es ist nur ein Abszess gewesen, der nicht einmal behandelt werden musste. Aber ganz kurz habe ich diese Angst zumindest im Ansatz erfahren. Ganz kurz war ich in eine Welt hineingeworfen, in der viele Menschen täglich leben.

Ich will jetzt nicht über Trost, Mitleid oder Hoffnung reden. Mit bloßen Worten aus der Ferne bleibt das zu abstrakt. Ich möchte nur meinen Respekt ausdrücken. Allen Menschen, die täglich

mit so einer schweren Krankheit leben müssen. Womöglich dem Tod ins Auge schauen. Vielleicht klingt das Wort Respekt hier etwas seltsam. Aber es ist das, was ich empfinde. Wenn man es schafft

in diesem Gefühl zu leben, das ich nur am Rande erfahren habe. Weiterzuleben, wenn die Bedrohung und die Angst jeden Tag da sind. Ich kann mir gar nicht ausmalen wieviel Kraft, Mut und Lebenswillen hierfür aufgebracht werden müssen.

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