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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

04AUG2022
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„Ein Glück, stell dir vor, meine Tochter kann mir Stammzellen spenden“. Es ist fünf Uhr früh. Stockdunkel. Die Stimme am Telefon schwach. Es ist Erik, ein Freund von mir. Und er scheint glücklich. Vor zwei Jahren hat sein Unglück begonnen. Da fällt das Wort das erste Mal: Krebs. In der Lunge. Und ich falle damals aus allen Wolken. Mehr noch Erik. Er fällt aus seinem Himmel voller Geigen - Musiker, der er ist. Doch er ist zuversichtlich: „Ich werde wieder spielen“, das war sein Satz. Sein fester Vorsatz.

Und tatsächlich: Eines Tages, nach langen Monaten Behandlung, schmiegt er die Violine wieder an den Hals. Er spielt, zaghaft und zittrig. Vielleicht zittere ich auch selbst. Weil ich die Bandage sehe an seinem Unterarm. „Ach ja, die Lymphe, das wird bleiben. Aber ich bin gesund“, meint er. Sitze ich im Dunkeln, ist der HERR mein Licht, sagt der Prophet Micha in der Bibel (Micha 7,8). Erik würde das genauso sagen, er sieht überall einen Lichtschimmer. 

Doch vor vier Monaten fällt zum zweiten Mal dieses Wort: „Krebs - diesmal im Blut“. Und gleich kommt eins zum anderen: OP, Chemo, Corona. Erik liegt auf Intensiv, ich rechne mit dem Schlimmsten, sende Stoßgebete und höre nichts und wieder nichts von ihm. Bis zu diesem Morgen um fünf. „Ein Glück, stell dir vor, meine Tochter kann mir Stammzellen spenden“. Ein Ostersatz ist das, mitten im Hochsommer. Neues Blut heißt neues Leben.

„Was für ein Glück“, sagt er, der Unglücksmensch. Unglaublich. Als ich auflege, dämmert es. Ich gehe in die Küche, taste nach dem Kaffeeautomaten und suche mit dicken Augen die CD. Vivaldi, vier Jahreszeiten – der Sommer - gespielt auf der Geige. Draußen steigt die Sonne auf, kühl noch. Aber ich ahne, heute wird es heiß - und hell. Sitze ich im Dunkeln, ist der HERR mein Licht. Ich denke an Erik und lächle in meinen Kaffee.

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