Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

01AUG2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Da sitzt sie. Eine Taube. Auf dem Mosaiksteinboden vor der kleinen Kirche. Sie sitzt und weicht nicht aus, als ich vorbeilaufe – anders als all die anderen, die kurz aufflattern unter den Zypressen. Typisch Portugal, dieser Platz. Die Sonne flirrt, ältere Leute auf den Bänken werfen Brotkrumen. Ein einziges Geflatter und Gegurre - schillernde Halskrausen und blau-lila Federn.

Wie schön sie sind, eigentlich, denke ich. Und wie schlau - Brieftauben, die über hunderte Kilometer nach Hause finden. Vögel, die uns in die Städte gefolgt sind, wo sie aber nicht bleiben sollen, nicht bei den Häusern, nicht bei den Kirchen. Auch das kalkweiße Kirchlein schützt sich mit Stacheldraht vor dem Kot der Tauben. Gleich darunter werden sie von den Portugiesen mit Brot gefüttert. Unvernünftig, klar. Aber mitfühlend. Selbst Wasser hat jemand bereitgestellt, einfach einen großen Getränke-Kanister aufgeschnitten, als Taubentränke und -Bad zugleich.

Es rührt mich. Ich sehe zurück zu der Taube am Rand des Platzes. Sie sitzt noch reglos, ihr Flügel scheint verletzt. Eine schmale Katze springt auf sie zu. Die Taube flieht. Ein paar schwache Hüpfer. Und sie landet auf der Straße. Ein Auto nimmt die Kurve. Kurz die Reifen über ihr. Dann … Der Schwanz zuckt noch einmal. Glitzernde Feder, Blut auf dem Asphalt.

Ich muss wegsehen. Nur eine Taube, eine von vielen, allzu vielen - ja. Aber auch ein Geschöpf, dazu noch ein Symbol des Friedens. „Die Friedenstaube unter die Räder gekommen“. Als wäre es ein Kommentar zur Zeit ... Ich sehe hoch zur Kirche. Dort oben im Mosaik, etwas verblasst – tatsächlich eine Taube. Den Ölzweig im Schnabel. Zeichen des Friedens, Zeichen, dass das Leben weitergeht. Nur wie und wann? Ich bleibe stehen, zwischen den Fragen in meinem Kopf. Die Tauben um mich baden, als wäre nichts geschehen. Ein Junge nimmt zärtlich die tote Taube von der Straße. Ich sage leise Danke. Und gehe weiter.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35897