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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

05AUG2022
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In dem kleinen Secondhandladen, in dem ich gerne einkaufe, steht Marilyn Monroe hinter der Kasse. Das heißt, eigentlich hängt sie dort in einer ihrer berühmten Posen und lächelt von einem schwarzweißen Plakat. Auch sechs Jahrzehnte nach ihrem Tod hat ihr Bild nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Heute vor 60 Jahren, am Morgen des 5. August 1962, wurde sie nackt und tot in ihrem Bett aufgefunden, einen Telefonhörer in der Hand. Später hat sich herausgestellt, dass sie an einer Überdosis Tabletten gestorben ist, wahrscheinlich das Ergebnis eines Selbstmordversuchs. Klären lässt es sich nicht, ob sie ihrem Leben bewusst ein Ende machen wollte oder es sowieso nicht mehr in der Hand hatte, was mit ihr geschah. Sie war gerade mal 36 Jahre alt. Eine der schönsten und begehrtesten Frauen ihrer Zeit. Und eine der einsamsten.

So jedenfalls besingt es Elton John in einem Lied, das er nach ihrem Tod für sie geschrieben hat. Darin spricht er sie mit ihrem bürgerlichen Namen an und gibt ihr eine Würde zurück, die das Leben vor der Kamera ihr geraubt hat: „Goodbye, Norma Jeanne“. Und er vergleicht ihre Lebensgeschichte mit einer flackernden Kerze im Wind. Zu groß waren offensichtlich die Rollen, die sie spielen sollte auf der Leinwand und in der Öffentlichkeit, eine Projektionsfläche für Träume und Begierden von Männern wie Frauen, geliebt und gehasst, ins Scheinwerferlicht gezerrt, zu Tode gehetzt. Und eigentlich wollte sie wohl vor allem geliebt werden um ihrer selbst willen. So wie jeder Mensch.

Ernesto Cardenal, der große Dichter und katholische Priester aus Nicaragua, war nur ein Jahr älter als Norma Jeanne, hat sie aber um 58 Jahre überlebt. Er ist nicht beim Mitleid mit einer gescheiterten Hollywoodikone stehen geblieben. Er hat ein Gebet für sie geschrieben, das mich auch heute noch berührt. Es endet so:

„Der Film ist aus, doch ohne Happy End. Man fand sie tot, den Hörer in der Hand. Es war, wie wenn jemand die Nummer der einzigen Freundesstimme gewählt hat und eine Stimme vom Tonband hört, die schnarrt: Falsch verbunden!

Herr, wer es auch sei, den sie anrufen wollte und nicht erreichte (vielleicht war es auch niemand oder jemand, dessen Nummer nicht im Telefonbuch von Los Angeles steht):

Nimm du den Hörer ab!“

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