Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04AUG2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Dort, wo der Rhein wieder aus dem Bodensee austritt, liegen drei kleine Inseln. Auf der größten von ihnen, der Insel Werd, finden sich Spuren menschlicher Besiedelung, die über 7000 Jahre weit bis in die Steinzeit zurückreichen.

Ich kann die Faszination für das Leben auf einer Insel gut verstehen. Denn ich mag die überschaubare Welt, die ich auf einer Insel betrete. Der begrenzte Raum vermittelt mir ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe. Anders als auf dem Festland kann ich hier den Überblick behalten. Deshalb verbringe ich meinen Urlaub gerne auf einer Insel. Und wenn ich es dann noch schaffe, mein Handy auszuschalten, ist das Inselglück perfekt.

Die Insel Werd ist für einen Urlaubsaufenthalt freilich viel zu klein. Neben der Kapelle des Heiligen Otmar, die schon im Mittelalter Pilger auf die Insel geführt hat, wohnen dort heute nur eine Handvoll Franziskanermönche. Im öffentlich zugänglichen Teil ihres Gartens haben sie ein begehbares Labyrinth angelegt, das dazu einlädt, die eigenen Lebenswege zu meditieren. Und bei meinem letzten Besuch habe ich vor dem hölzernen Steg, der auf das Inselchen führt, eine Tafel entdeckt mit dem Hinweis: „Wenn du glaubst, bete! Wenn du nicht glaubst, bewundere!“

Diesen Satz will ich mitnehmen auf meine Sommerinseln. Denn der Sommer lädt in besonderer Weise zum Staunen ein. Das Licht am Morgen, der Geruch, den die Sonne der trockenen Erde entlockt, unendliche Variationen über die Farbe Blau, das Verwischen der Grenzen zwischen drinnen und draußen. Und Zeit. Zeit, all das nicht nur im Vorübergehen zu registrieren, sondern mit allen Sinnen wahrzunehmen. Dabei ins Staunen finden. Die Welt in ihrer Schönheit und Weisheit bewundern, nicht nur abschätzen. Und vielleicht mündet das alles dann ja wie von selbst in ein Gebet:

„Wie zahlreich sind deine Werke, Herr. In Weisheit hast du sie alle gemacht. Die Erde ist voll von deinen Gütern.“

Ja, dieser Psalm, er muss wohl auf einer Sommerinsel entstanden sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35887