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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

03AUG2022
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„Schaue vorwärts, nicht zurück. Neuer Mut ist Lebensglück.“ So steht es, neben vielen anderen Lebensweisheiten, in meinem Poesiealbum. Wenn es in biblischen Zeiten schon Poesiealben gegeben hätte, dann hätte ich diesen Vers gerne einer Frau hineingeschrieben, deren Name nicht bekannt ist. Deshalb nenne ich sie nach ihrem Mann. Frau Lot. Frau Lot hat zurückgeschaut. Und ist dabei zur Salzsäule erstarrt.

Was ist geschehen? Nach biblischem Bericht wohnen Herr und Frau Lot in Sodom und Gomorrha. Niemand weiß, wo diese Städte einmal gelegen haben. Geblieben ist von ihnen nur ihr übler Ruf. „Da geht es zu wie in Sodom und Gomorrha“, das beschreibt rechtsfreie Räume, Bandenkriminalität und sexualisierte Gewalt. Aber es leben dort eben auch Menschen, denen diese Städte trotz aller Widrigkeiten Heimat sind. So wie heutzutage viele Riesenstädte auf der ganzen Erde eine Heimat sind für ihre Bewohnerinnen. Mariupol für Anastasia. Johannesburg für Imani. Rio de Janeiro für Jasmin. Und eben Sodom für Frau Lot.

Trotz der schlimmen Zustände wäre es ihr wohl nicht eingefallen, ihre Heimat zu verlassen. Auch wenn es gefährlich war, nachts allein auf die Straße zu gehen. Auch wenn die Preise für Lebensmittel ins Unermessliche gestiegen sind. Ja, selbst wenn Gott selbst angekündigt hat, sie in Schutt und Asche zu legen. Sie will nicht gehen. Nicht um jeden Preis. Aber dann rennt sie doch ihrem Mann hinterher, flieht in allerletzter Sekunde. Nur einen Blick will sie noch werfen auf das, was sie zurückgelassen hat. Dreht sich um. Und erstarrt vor Entsetzen über das Ausmaß der Verwüstung. Heute würden wir vielleicht sagen: Sie trifft der Schlag.

„Schaue vorwärts, nicht zurück. Neuer Mut ist Lebensglück.“ Die Lehrerin, die mir diesen Satz einst ins Poesiealbum geschrieben hat, ist als Jugendliche auch aus einer brennenden Stadt geflüchtet. Und hat gelernt, dass sie sich mit aller Kraft nach vorne ausrichten muss, wenn sie nicht nur überleben, sondern wieder leben will. Ich wünsche mir, dass wir den geflüchteten Frauen, die in großer Zahl bei uns angekommen sind, helfen, in beide Richtungen zu schauen. Nach hinten, ohne zu erstarren. Nach vorn mit Mut und Zuversicht. Und dass sie ihr Lebensglück finden. In der alten oder in einer neuen Heimat.

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