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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02AUG2022
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Ein Foto von einem Mann mit seinem Kind hat vor kurzem für heftige Diskussionen gesorgt. Auf diesem Foto ist der Politiker Anton Hofreiter mit seinem 15 Monate alten Sohn zu sehen. Und zwar bei der Arbeit! In einer Ausschusssitzung des deutschen Bundestags saß der Kleine auf Papas Schoß und fuhr mit seinem Spielzeugauto auf dem Tisch herum. Der Vater musste derweil die Sitzung leiten. Von der einen Seite kam lautstarkes Lob, weil endlich auch einmal in der Öffentlichkeit sichtbar wurde, dass Erziehung auch Männersache ist. Andere haben sich kopfschüttelnd darüber mokiert, warum ein Bundestagsabgeordneter nicht in der Lage ist, sich eine verlässliche Kinderbetreuung zu leisten. Und einige waren entsetzt, weil so ein Kind doch von der Arbeit ablenkt, nicht nur den Vater, sondern auch die anderen Arbeitswilligen.

Mir hat das Foto gefallen. Es hat mich erinnert an meine eigene Zeit als berufstätige Mutter mit einem ebenfalls berufstätigen Mann an der Seite. Der Zeitplan in dieser Lebensphase war immer ganz schön auf Kante genäht. Sobald sich nämlich irgendetwas verschoben hat, ist der ganze schöne Plan wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Und dann sind sowohl mein Mann als auch ich zu beruflichen Terminen mit Kind erschienen. An ein Ereignis erinnere ich mich dabei besonders gerne: Weil die Tagesmutter kurzfristig abgesagt hatte, habe ich meinen Sohn im Kinderwagen mit zu einem Gottesdienst ins Altenheim genommen. Solange er schlief, konnte ich dort ungestört meine Predigtgedanken zum Besten geben. Als er aber aufgewacht ist, war es um die Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen geschehen. Jauchzend und herzend wendeten sich die Frauen, die zuvor eher apathisch in ihren Rollstühlen vor sich hingedämmert hatten, dem quirligen Leben in ihrer Mitte zu. Und ich habe gemerkt: Das kleine Kerlchen hat ihnen große Freude gemacht und sie vielleicht sogar näher an die Quelle des Lebens gebracht, als jedes meiner Worte es vermocht hätte.

Auch Jesus hat einmal mitten in einer wichtigen Diskussion mit seinen Jüngern ein Kind auf den Schoß genommen und es in die Mitte gestellt. Und ja, es hat abgelenkt von den drängenden Fragen, die da gerade verhandelt wurden, und darüber waren viele empört.  Aber es ist auch noch etwas andres passiert: Plötzlich hat sich nämlich ganz neu geordnet, was wichtig und was eher nebensächlich ist. Und wofür wir bei allem, was wir tun, auch arbeiten: Für die Zukunft unserer Kinder!

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