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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01AUG2022
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Im Juni wurde wieder einmal der deutsche Filmpreis verliehen, die Lola. Bis spät in die Nacht habe ich vor dem Fernseher gehockt und mir die Verleihung der zahlreichen Preise angeschaut: fürs beste Bühnenbild, die beste Maske, für den besten Schnitt. Mir persönlich gefällt am besten die Kategorie der besten Nebenrolle. Wenn jemand seine Sache gut macht, sogar sehr gut, obwohl er nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Das bewundere ich nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im richtigen Leben.

Beste Nebenrollen gibt es auch in den besten biblischen Geschichten. Zum Beispiel in dem berühmten Gleichnis vom verlorenen Sohn. Da ist der Titelheld nämlich nur einer von zwei Söhnen, die in der Geschichte eine Rolle spielen. Und während er in die Welt hinauszieht, um dort sein Glück zu machen und dabei hollywoodreif scheitert, liefert die Lebensgeschichte des anderen keinen spannenden Stoff. Sie besteht nämlich in erster Linie aus der Bewältigung alltäglicher Aufgaben und Pflichten und bietet nur wenig Abwechslung. Feldarbeit, Vieharbeit. Tagaus, tagein. Vielleicht mal ein kleines Feierabendglück. Als der Unglücksritter aber völlig abgebrannt wieder zuhause aufschlägt, steht er schon wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit. Noch immer spielt er die Hauptrolle, und alles dreht und wendet sich um ihn. Am Abend seiner wundersamen Heimkehr steigt eine gigantische Willkommensparty, und der überglückliche Vater lässt es an nichts fehlen. Nur der ältere Bruder fehlt – der mit der Nebenrolle. Als der Vater ihn holen will, beschwert er sich bitter über sein Schattendasein und die fehlende Wertschätzung für seine jahrelange treue Arbeit. Nie hat er darum ein Gewese gemacht.  

Nun aber macht er den Mund auf! Und spricht auch für alle anderen, die mit ihrer Geschichte nie so recht im Rampenlicht stehen und doch mit ihrer Arbeit in ganz unaufgeregter Weise dafür sorgen, dass Geschichten ein gutes Ende nehmen. Denn schließlich hat der Sohn in der Nebenrolle mit seinem Durchhalten den Boden bereitet für den Wohlstand, aus dem der Vater nun schöpfen kann. Ohne ihn gäbe es kein Happy End – auch nicht für den gescheiterten Abenteurer in der Hauptrolle. Ich danke ihm für seine Ausdauer. Und für den Mut, auf seine Situation aufmerksam zu machen. Und verleihe ihm endlich eine Lola für die beste Nebenrolle.   

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