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SWR3 Gedanken

06AUG2022
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Meine Freundin Miri hat sich einen Weinberg gekauft. Seither verbringt sie all ihre freie Zeit dort. Ich kann es gar nicht verstehen, dass sie sich das neben ihrem stressigen Job auch noch antut. Aber ich will mir das mal genauer ansehen, wo sie seither all ihre Abende und Wochenenden verbringt. Deshalb besuche ich sie an diesem Ort.

Als ich das erste Mal hoch oben auf ihrem Weinberg stehe und über all ihre Reben blicke, spüre ich großen Respekt. Respekt vor diesem Stück Natur – wie fruchtbar dieser Boden ist. Aber auch Respekt vor meiner Freundin. Denn mir wird bewusst, wie viel Arbeit und Mühe sie in diesen Weinberg steckt; aber auch wie verbunden sie bereits nach wenigen Monaten mit diesem Ort ist.

Denn dieser Ort ist ihr heilig. An diesem Ort und in dieser Arbeit ist sie sich selbst ganz nah. Sie erzählt, wie sehr sie die Arbeit an die Zeit mit ihrer geliebten Großmutter erinnert, mit der sie immer zusammen im Garten gearbeitet hat. Wie sie häufig erst am Stand der Sonne erkennt, dass sie wieder einen halben Tag an den Reben geschnitten, gebogen und gebunden hat. Und wie sie all ihre Sorgen rund um die Arbeit vergisst.

Die Arbeit auf dem Weinberg bringt sie auch an ihre Grenzen – sie muss sich all das Wissen und Handwerk selbst beibringen. Kaum etwas gelingt ihr auf Anhieb. Aber es macht sie glücklich – denn sie ist an diesem Ort ganz bei sich.

Ich freue mich, ihr bald bei der Weinlese helfen zu dürfen. Aber vor allem freue ich mich, dass sie ihren heiligen Ort gefunden hat und dabei ein bisschen mehr sie selbst geworden ist. Als Arbeiterin im Weinberg.

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