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SWR2 Wort zum Tag

06AUG2022
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Einen Rucksack dabei zu haben, finde ich sehr praktisch – etwa bei einer Wanderung. Alles, was ich unterwegs brauche, kann ich dort problemlos unterbringen.

Einen Rucksack trage ich auch im übertragenen Sinn: Meinen Lebensrucksack, der mit all dem gefüllt ist, was mich geprägt hat: Etwa bestimmte Sätze, die ich von klein auf immer wieder gehört habe. Gerade in herausfordernden Situationen kann ich darauf zurückgreifen - gewissermaßen als seelische Wegzehrung. Dann erinnere ich mich zum Beispiel an die aufmunternde Stimme meines Vaters, der gerne sagte: „Wird schon gut gehen“.

Im Lebensrucksack sind jedoch auch Erfahrungen, die belasten. Wenn mir z.B. immer wieder gesagt wurde: „Nimm dich nicht so wichtig“, und stattdessen die Bedürfnisse der anderen immer mehr zählten. Dann kann es mir später schwerfallen, für meine Bedürfnisse zu sorgen, ja überhaupt ein Gefühl dafür zu entwickeln, was ich selber will.

Es ist gar nicht so einfach, solch belastendes Gepäck loszuwerden. Mir hilft, wenn ich mir unzensiert einmal alles von der Seele reden kann. Und jemand  dabei geduldig zuhört und einfühlsam Fragen stellt. Dann lerne ich allmählich, mich selbst besser zu verstehen. Warum verhalte ich mich so, obwohl ich es doch anders will?  Dieser Erkenntnisprozess kann weh tun – oder auch wütend machen. Warum wurde ich immer in ein bestimmtes Schema gepresst - etwa von meinen Eltern? Kann ich diese Prägung jemals überwinden?

Dann ist es wichtig, dass mir jemand zutraut, dass ich auch andere Seiten und Möglichkeiten in mir habe. Dass sie oder er mich ermutigt, erste, noch unsichere Schritte zu wagen. Mich vielleicht auf Situationen hinweist, wo es schon einmal gelungen ist. So kann der Lebensrucksack allmählich leichter werden.

Manchmal kommen solche guten Gespräche zu Stande, wenn ich mit jemand zusammen unterwegs bin – etwa beim Wandern. Beim Gehen kommen auch innere Prozesse in Gang. Es fällt mir dann leichter, in Ruhe zu reden und zuzuhören. Wenn es zu anstrengend wird, können wir ja eine Pause machen – und schauen, was sich in unseren Rucksäcken an Stärkendem finden lässt. Im wörtlichen und im übertragenen Sinn.

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