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SWR3 Gedanken

12JUL2022
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Bereit sein ist alles! Sollte Gott bei mir anklopfen, dann bin ich vorbereitet. Dann ist aufgeräumt und gesaugt. Dann hab ich was Hübsches an: das gelbe Kleid und die Jeansjacke. Dann hab ich was Spannendes zu erzählen und Schoko-Kuchen gebacken.
Ohne Witz, so dachte ich immer, muss es laufen, sollte Gott eines Tages vor mir stehen.

Ich möchte Gott gebührend empfangen. Das war mir schon als Kind wichtig. In meiner Familie waren wir keine großen Kirchgänger, aber wenn wir in die Kirche gegangen sind haben wir uns für Jesus alle besonders hergerichtet. Wir Mädchen trugen Kleid und mein Vater und Bruder Anzug. Man erweist Gott eben nicht die Ehre in Turnschuhen und Jeans. So hab ich das jedenfalls gelernt.

Und als ich erwachsen wurde, hatte ich das immer noch so im Hinterkopf: Für Gott muss ich mich zurecht machen.

Tja und was soll ich sagen: als ich Gott dann tatsächlich begegnet bin, saß ich ungeschminkt im Bett mit fettigen Haaren vor Netflix. Um mich herum Chipstüten und Krümmel. Es war ein Tag, an dem es mir alles andere als gut ging. Gott saß plötzlich auf meiner Bettkante. Und obwohl es eine Überraschung war, habe ich mich nicht erschrocken. Es ist mir nicht mal peinlich gewesen, vor Gott so verlottert auszusehen. Es war als käme meine beste Freundin zu Besuch. Und so fing ich an zu reden. Ich hab ihm alles erzählt. Ich habe geheult und geschrien. Das tat gut. Ich glaube wir saßen Stunden so da. Und dann ist Gott genauso plötzlich verschwunden, wie er gekommen ist. Und ich habe mich befreit gefühlt von einer Zentnerlast.

Eines hab ich aus der Begegnung mit Gott gelernt: Wenn ich mich hübsch mache für Gott, dann mache ich das eigentlich für mich selbst. Weil es schön ist und das gelbe Kleid mir wirklich gut steht. Für Gott spielt das aber keine große Rolle: der nimmt mich auch in Schlafanzug und verzottelten Haaren.

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