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SWR4 Sonntagsgedanken

10JUL2022
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Viereinhalb tausend Menschen haben hörbar den Atem angehalten. Ich war eine davon. Ein Moment bei den Passionsfestspielen in Oberammergau. Auf der Bühne: eine aufgebrachte Volksmenge.  Jesus auf der einen Seite, die Hohenpriester und aufgebrachte Gläubige auf der anderen Seite. Dann wurde eine Frau in die Mitte gezerrt. Sie hätte die Ehe gebrochen, sagen sie. In der damaligen Gesellschaft ein todeswürdiges Verbrechen. Dutzende Augenpaare schauen Jesus erwartungsvoll an. „Was sagst du dazu, Jesus?“, fragen sie hämisch. Soll die Frau hingerichtet werden?  Gesteinigt? So, wie es das Gesetz sagt?

Der Jesus auf der Bühne in Oberammergau ist angespannt. Er weiß, das ist eine Falle für ihn. Er ist ihnen ein Dorn im Auge. Ihn wollen sie zu einem Fehler verleiten.

Und was macht Jesus? Er kritzelt im Staub auf dem Boden herum. Beiläufig. So wie man eine Schreibtischunterlage beim Telefonieren bekritzelt. Das provoziert sie noch mehr.

Dann der Moment, in dem die Spannung zum Zerbersten war. Jesus richtet sich auf, einen faustgroßen Wackerstein in der Hand. Mit glühenden Augen hat er in die Menge gesehen und ihnen den Stein hingehalten. „Ist einer von euch ohne Sünde? – Der soll den ersten Stein auf die Frau werfen.“

Diese Worte kenne ich sonst eher als lapidares Sprichwort: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Aber an dem Abend im Mai im Oberammergauer Passionstheater war die Dramatik mit Händen zu greifen. „Was, wenn einer beherzt nach vorne tritt und den Stein nimmt?“ ist es mir durch den Kopf geschossen. „Die Frau hätte keine Chance.“

Totenstille – auf der Bühne und bei den 4000 Zuschauern. Dann, nach spannungsreichen Sekunden schleicht sich einer nach dem anderen aus der Menge davon. Am Ende waren Jesus und die Frau allein auf der Bühne. Er noch immer mit dem Stein in der Hand. Die Frau hat vorsichtig den Blick gehoben. Alle waren weg. „Hat dich niemand verurteilt?“, hat Jesus die Frau gefragt. Kopfschütteln.

 „Dann verurteile ich dich auch nicht. Sündige von jetzt an nicht mehr.“ Dann hat er den Stein aus den Händen gelegt.

Selten war mir so deutlich, wie diese Frau in der Geschichte aus der Passionsgeschichte der Bibel instrumentalisiert worden ist. Als Spielball im Streit um religiöse Rechthaberei. Ja, sie hatte einen Fehler gemacht und sich nicht gesetzeskonform verhalten. Das war ihr so klar wie allen anderen. Aber in Wirklichkeit ging es um viel mehr: um echte Treue zu Gott statt Rechthaberei. Deshalb die glühende Frage Jesu, wer denn hier ohne Sünde wäre. Der Grat ist schmal zwischen überheblichen moralischen Urteilen und dem ehrlichen Blick auf das eigene Verhalten. Jesus hat nicht eingestimmt in die selbstgerechten Massen. Damit hat er der Frau einen neuen Anfang ermöglicht.

Wenn alle meinen, sie hätten Recht und mit dem Finger auf die zeigen, die einen Fehler gemacht haben, braucht es einen, der die Selbstgerechtigkeit bremst. Jesus ist so einer.

Mir geht dieser Spannungsmoment noch nach. Jesus hat ziemlich viel riskiert. Was, wenn doch einer den Stein aus seiner Hand genommen und auf die Frau geworfen hätte? Der Mob wäre nicht mehr aufzuhalten gewesen. Nach den Buchstaben des Gesetzes hätte er nicht mal unrecht gehabt. Ehebruch war damals ein schweres Verbrechen. Das, was bei uns heute Familiendramen sind. Alles andere als harmlos. Jesus hat mit der aufgebrachten Menge nicht diskutiert. Schon gar nicht hat er um Verständnis für die Frau geworben. Er hat einfach irgendetwas in den Staub auf den Boden geschrieben. Was es auch war, Jesus hat es geschafft, dass die aufgebrachte Menge ins Nachdenken kam. Irgendwie ins Mark getroffen. Es braucht ja große Offenheit, um sich einzugestehen, was man selbst falsch gemacht hat. Es kostet Überwindung. Viel einfacher ist es, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Das ist heute nicht anders. Wenn irgendwer bei einer moralischen Verfehlung erwischt wird, ist die öffentliche Empörung nicht zu bremsen. Es hagelt Hasskommentare und sogar Drohungen – bei Facebook und auf den Leserbriefseiten der Zeitungen.  

Irgendwie gelingt es Jesus, dass die um ihn Herumstehenden einsehen: zu moralischer Überheblichkeit besteht kein Grund. Die eigene Empörung reicht nicht aus, um jemanden anderen zu richten. Ich bin froh, dass Schuld und Unrecht bei uns vor Gerichten ausgehandelt werden. Die allgemeine Empörung einer aufgeheizten Menge ist dafür nicht geeignet. Dass das Urteil über Recht und Unrecht nicht den Empörungswellen und Boulevardschlagzeilen überlassen wird, ist richtig. Wenn diese Wellen mal wieder hochschlagen, dann wünsch ich mir einen, der beherzt wie der Jesus auf der Passionsspielbühne den Spieß umdreht und fragt: Seid Ihr wirklich moralisch so einwandfrei wie ihr vorgebt?

Für ein gnädiges Miteinander braucht es Menschen, die der Verführung zur moralischen Überheblichkeit nicht nachgeben. Der Blick auf mein eigenes Verhalten ist gefragt. Wenn ich das mal wieder merke, dann will ich mich an diese spannungsvollen Minuten im Oberammergauer Passionstheater erinnern. Und daran, dass Jesus alles riskiert hat für diese Frau, die einen so unerwartet neuen Anfang geschenkt bekommen hat.

Ich wünsche Ihnen einen Sonntag zum Aufatmen und eine gesegnete Woche.

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