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SWR2 Wort zum Tag

04JUL2022
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„Menschen getroffen“ – so ist ein Gedicht von Gottfried Benn überschrieben. Nachdenklich schaut der alte Dichter und Arzt auf sein Leben zurück. Wen er nicht alles getroffen hat. Als dritte Strophe heißt es am Schluß: „Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,/woher das Gute und das Sanfte kommt,/weiß es auch heute nicht und muß nun gehen.“ Welch ein erstauntes und erstaunliches Resümee. Das Lebensende vor Augen, sammelt sich alles in dieser einen Frage: „Woher das Gute und das Sanfte“.

Die Fragen nach dem Schweren und Bösen liegen derzeit ja leider auf der Hand. Allein der Wahnsinn mit dem Angriff auf die Ukraine, mit all der Zerstörung und den bösen Folgen! Der Schacher um Weizen und das perfide Spiel mit dem Hunger in der Welt. Aber auch der Missbrauch von staatlichem Geld durch die Ölkonzerne und die Belastung der kleinen Leute. Und dass die Klimakatastrophe noch abgewendet werden kann, wird immer unwahrscheinlicher. Hitzewellen, Wassernöte und Unwetter sprechen eine unerbittliche Sprache. Ja, wieso das alles, woher das Böse? Diese Warum-Frage liegt nahe.

Aber die andere Frage, die des alten Dichters nach dem Guten, wird leicht vergessen. Nicht nur das Gute und seine Herkunft haben es ihm angetan, auch „das Sanfte“. Ja, woher die gigantische Hilfsbereitschaft angesichts der ukrainischen Flüchtlingsnot? Woher die geduldige Freundlichkeit an der Abendkasse? Woher die Bereitschaft der Eltern, nachts zum x-ten Mal aufzustehen, wenn das Kleinkind schreit? Woher so viel Geduld und Zuwendung in der Pflege und am Krankenbett. Und woher womöglich die Tapferkeit, heute aufzustehen und den Alltag zu bewältigen? Für Benn, den Mann, den notorischen  Frauen-Liebhaber, trägt das Sanfte besonders gern weibliche Züge. Ja, woher Zärtlichkeit und Charme – und der Zauber des Sommers trotz allem Schwerem?

In einem der jüngsten Bücher des Alten Testamentes – es stammt aus der Zeit Jesu – betet einer zu Gott: „Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, du hättest es nicht geschaffen.“ (Weisheit 11,24) Wunderbar dieses Vertrauen, und keineswegs blauäugig. Es relativiert nicht das Schlimme und Schwere, und offene Fragen gibt es genug. Aber Benns Frage nach dem Guten und Sanften, unsere eigene, könnte hier eine Antwort finden, hier im Gott-Vertrauen des biblischen Beters.  

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